Aus den Mary Baker Eddy Papers: Lew Tolstoi und Mary Baker Eddy
Obwohl sie an entgegengesetzten Enden der Erde lebten, haben sowohl Tolstoi als auch Eddy in späteren Lebensjahren erhebliche spirituelle Umwandlungen erlebt, die für den Rest ihres Lebens Bestand hatten. Eddy erklärte in ihrer Autobiografie Rückblick und Einblick in Bezug auf ihre eigene Erweckung: „… gegen Ende des Jahres 1866 erlangte ich die wissenschaftliche Gewissheit, dass alle Ursächlichkeit Gemüt ist und jede Wirkung eine gedankliche Erscheinung.“2
Mary Baker Eddy in ihrem Arbeitszimmer, ca. 1892 – 1908. Calvin A. Frye. P00036.
Eddy war 44 Jahre alt, als sie aufgrund einer Heilung von den Folgen eines Sturzes auf einem vereisten Bürgersteig, bei dem sie das Bewusstsein verloren hatte, die Christliche Wissenschaft entdeckte. Die Heilung kam zustande, indem sie in der Bibel las (einschließlich Matthäus 9:2). Tolstoi wurde bekanntlich im Alter von ungefähr 50 Jahren Christ. Er schrieb in seinem Buch Worin besteht mein Glaube 1884, dass er eine geistige Heilung erlebte, als er über das Matthäusevangelium nachdachte:
Aus allen Evangelien trat mir stets als etwas Besonderes die Bergpredigt entgegen. Und sie war es, die ich am häufigsten las. Nirgends spricht Christus mit solcher Feierlichkeit wie hier, nirgends gibt er so viele sittliche, klare, verständliche, jedem gerade zum Herzen redende Regeln …. Wenn es überhaupt klare, bestimmte christliche Gesetze gibt, so müssen sie hier ausgesprochen worden sein. In diesen drei Kapiteln Matthäi habe ich die Lösung meiner Zweifel gesucht.3
Tolstoi in seinem Arbeitszimmer in Jasnaja Poljana, Mai 1908. Mit freundlicher Genehmigung der Kongressbibliothek, Abteilung für Druck und Fotografie, Prokudin-Gorskii Kollektion, LC-DIG-prok-01970.
Sowohl Tolstoi als auch Eddy glaubten an Jesu Lehren und an Liebe als einen führenden Grundsatz, und beide verbrachten ihr restliches Leben mit Werken, die diese Überzeugung widerspiegelten. Sie verstarben Ende 1910 im Abstand von zwei Wochen. Der Christian Science Sentinel vom 17. Dezember 1910 brachte Auszüge aus anderen Publikationen, in denen Eddys Tod gemeldet wurde, einschließlich des New York American, der folgenden Vergleich zog:
Mary Baker Eddys Bekanntheitsgrad ist so groß, dass es kein Land in der Welt gibt, in dem ihr Ableben nicht gemeldet werden wird. Ihr außerordentlicher Einfluss auf ihre Generation wird zu Vergleichen oder Unterscheidungen zwischen ihrem Werk und dem des Sehers führen, der vor ein paar Tagen in Russland gestorben ist. Graf Tolstoi sprach den Intellekt an und Mrs. Eddy das Herz. Niemand hat das Recht, die Ehrlichkeit dieser beiden Personen zu bezweifeln, auch wenn alle das denken und fühlen werden, was sie hinsichtlich ihrer Weisheit und Inspiration für richtig halten.4
Eine Durchsicht der Sammlungen der Bibliothek offenbart, dass Eddy großes Interesse an Tolstois Leben und Werk hatte. Ihre Privatbibliothek wies Exemplare von Die Kreutzersonate (1889) und Wandelt, dieweil ihr das Licht habt (1890) auf – in beiden sind Vermerke von ihr mit Bleistift enthalten.5 Die Mary Baker Eddy Sammlung enthält Sammelalben, in denen verschiedene Artikel über Tolstoi enthalten sind, darunter ein Exemplar eines Interviews mit ihm in der New York World vom 24. Februar 1901, auf dem sie mehrere Aussagen von ihm unterstrichen hat.6
Foto einer Seite in ihrem Sammelalbum, das den Anfang eines Interviews mit Tolstoi enthält. Folgendes Zitat ist mit handschriftlichen Klammern versehen: „Krankheit und Leid zerstören das Sterbliche im Menschen mit dem ausschließlichen Zweck, ihn auf etwas Besseres vorzubereiten.“ SB012, 152.
Die Bibliothek enthält außerdem diesbezügliche Korrespondenz. Eddy erfuhr im Sommer 1900 in Concord, New Hampshire, dass Tolstoi krank war. Sie schrieb an ihre Schülerin Anna B. White Baker und bat sie, ihm ein Exemplar ihres Buches Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift zu schicken.
Bitte helfen Sie mir, mein Wissenschaft und Gesundheit an den guten alten Märtyrer dieses Jahrhunderts, Graf Tolstoi, zu schicken. Ich möchte, dass er sich auf Gottes Stab stützen kann Immer wenn der Feind ihn sehr bedrängt, „lächle“ ich mit dem verehrten Grafen. Mir wird gemeldet, er sei krank. Ich muss ihm mein Buch geben[.]7
Baker sandte am 19. März 1901 eine Botschaft zusammen mit Wissenschaft und Gesundheit nach Jasnaja Poljana, dem Haus der Familie Tolstoi:
Rev. Mary Baker Eddy hat mich beauftragt, Ihnen ihr Buch „Wissenschaft & Gesundheit, mit Schlüssel zur Heiligen Schrift“ zu übersenden, … das hier in unserem Land und anderswo eine praktische Religion etabliert hat, die die Notwendigkeit der Wissenschaft der Wahrheit erkennt, die zu lehren & zu predigen Jesus von Nazareth gekommen ist & die heute ein großes und nobles Werk tut.8
Tolstoi könnte einer der ersten Menschen in Russland gewesen sein, der Wissenschaft und Gesundheit gelesen hat. Innerhalb eines Monats schickte sein ältester Sohn Sergei Tolstoi im Namen seines Vaters eine Empfangsbestätigung mit Dankesbrief an Eddy.9 Zwei Monate später, am 2. Mai 1901, schickte Eddy Tolstoi außerdem ein Exemplar ihres Buches Vermischte Schriften 1883-1896. Im Begleitbrief zu dem Paket erklärte sie, wo in dem Buch Tolstoi ein Zeugnis finden konnte, aus dem hervorging, wie das Interesse einer Person an Wissenschaft und Gesundheit geweckt worden war.10 Möglicherweise hat Eddy durch die Wahl dieses besonderen Zeugnisses gezeigt, woran Tolstoi ihrer Meinung nach besonders interessiert sein könnte; er hatte im Oktober 1897 geschrieben, dass man „Gott verstehen und fühlen kann, wenn man die Unwirklichkeit alles Materiellen klar verstanden hat.“11 Eddy hatte in Wissenschaft und Gesundheit ihre „wissenschaftliche Erklärung des Seins“ mit folgenden Worten begonnen:
„Es ist kein Leben, keine Wahrheit, keine Intelligenz und keine Substanz in der Materie. Alles ist unendliches Gemüt und seine unendliche Manifestation, denn Gott ist Alles-in-allem“.12
Das anonyme Zeugnis in Vermischte Schriften, auf das Eddy in ihrem Brief an Tolstoi hingewiesen hatte, äußert sich in ähnlicher Weise:
… alle, die ihre vorgefassten Meinungen ablegen und ehrlich gegen sich selbst und das Licht sind, das ihnen zuteil geworden ist, [werden] eine Kenntnis von der Wahrheit erlangen können, wie sie in den Lehren und dem Leben Jesu Christi veranschaulicht worden ist; das heißt, dass Gemüt oder Seele, oder wie immer Sie es nennen mögen, das wirkliche Ich oder Selbst ist und dass das sterbliche Gemüt mit seinem Körper unwirklich ist, dahinschwindet und schließlich in seine ursprüngliche Nichtsheit zurückkehrt. … Für den, der die Wahrheit annehmen kann, dass alle Ursächlichkeit im Gemüt liegt, und der darum anfängt, von der Materie hinwegzusehen und das Gemüt oder den Geist zu betrachten – auszuschauen nach all dem, was wirklich und ewig ist, und nach allem, was etwas Beständiges hervorbringt –, für den lösen sich die Zweifel und all die kleinen Ärgernisse des Lebens im Licht eines besseren Verständnisses auf, das im Schmelztiegel der Barmherzigkeit und Liebe geläutert ist, und entschwinden in die Nichtsheit, aus der sie hervorgingen, weil sie tatsächlich nie eine Existenz hatten, sondern nur Erfindungen der irrenden, menschlichen Annahme waren. Lesen Sie die Lehren des Christus von einem christlich-wissenschaftlichen Standpunkt aus, und sie erscheinen nicht länger unklar und geheimnisvoll, vielmehr werden sie lichtvoll und mächtig – und, ich möchte sagen, verständlich.13
Es scheint, dass Tolstoi und Eddy ein beidseitiges Interesse an der Arbeit der bzw. des jeweils anderen hatten. Die Bibliothek der Familie Tolstoi umfasste rund 22.000 Bände, darunter mehrere Werke von Eddy, von denen einige Vermerke in Tolstois Handschrift aufweisen. Und William D. McCrackan, ein späterer Präsident der Ersten Kirche Christi, Wissenschaftler, schrieb 1901 an die New York World, dass er „… einen von [Tolstois] Tochter unterzeichneten Brief erhalten habe …, dass ihr Vater nie etwas anderes als Respekt für die Christliche Wissenschaft empfunden habe“.14
Viele der hier erwähnten Quellen (Briefe, Bücher und mit Notizen versehene Seiten in Sammelalben) stehen in der Mary Baker Eddy Bibliothek zur Einsicht bereit. Einige sind auch auf der Website der Mary Baker Eddy Papers aufrufbar, wenn Sie auf die in diesem Artikel enthaltenen Links klicken. Bei der Beschäftigung damit erhält man wertvolle Einblicke, wie diese beiden berühmten Personen einander, ihren christlichen Glauben und ihr jeweiliges Lebenswerk betrachteten.
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- Er ist ferner bekannt als Graf Lew Nikolajevitsch Tolstoi.
- Mary Baker Eddy, Rückblick und Einblick, (Boston: The Christian Science Board of Directors), S. 24.
- Lew Tolstoi, Worin besteht mein Glaube (Berlin: Lunata 2020), 24–25.
- „Excerpts from Editorial Comments“ [Auszüge aus redaktionellen Beiträgen]. Christian Science Sentinel, 17. Dezember 1910.
- Siehe B00305 und B00306 in der Mary Baker Eddy Bibliothek, um diese Vermerke einzusehen.
- SB012, 152–153.
- Mary Baker Eddy an Anna B. White Baker, 1900, F00204, https://mbepapers.org/?load=F00204.
- Anna B. White Baker an Lew Tolstoi, 19. März 1901, V03595,https://mbepapers.org/?load=V03595.
- Sergei Tolstoi an Mary Baker Eddy, März 1901, 718AP1.87.018, https://mbepapers.org/?load=718AP1.87.018.
- Mary Baker Eddy an Lew Tolstoi, 2. Mai 1901, V03596, https://mbepapers.org/?load=V03596.
- Lew Tolstoi, The Journal of Leo Tolstoi [Das Tagebuch von Lew Tolstoi] (Erster Band, 1895-1899) / aus dem Russischen ins Englische von Rose Strunsky (New York: Alfred A. Knopf, 1917), 152.
- Mary Baker Eddy, Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift (Boston: The The Christian Science Board of Directors), 468:9–11.
- Eddy, Vermischte Schriften 1883–1896 (Boston: The Christian Science Board of Directors), 463–464.
- „Count Tolstoi and Christian Science“ [Graf Tolstoi und die Christliche Wissenschaft] Sentinel, 8. August 1901.


