Frauen der Geschichte: Earline Shoemake
Earline Shoemake (1936–2009) war Praktikerin, Lehrerin und Vortragende der Christlichen Wissenschaft. Sie kam aus bescheidenen Verhältnissen, doch dann führte ihre innige Suche nach einem praktischen Glauben sie zu einem Leben als Heilerin. Als Afroamerikanerin zu einer Zeit sich wandelnder Einstellungen Menschen anderer Hautfarben gegenüber begegnete sie Not, begrenzten Möglichkeiten und Vorurteilen, indem sie sich ganz auf Gott verließ und auf ihren Errungenschaften im Dienste anderer aufbaute.
Shoemake fand Inspiration in Mary Baker Eddys Leben und bezog viel Kraft aus der Christlichen Wissenschaft. Sie und Eddy wussten beide, was es bedeutete, am Rand der Gesellschaft zu leben – Shoemake als Afroamerikanerin während der Bürgerrechtsära und Eddy als geistige Führerin und Geschäftsfrau im 19. Jahrhundert. Shoemakes Anfänge in einem kleinen Ort in Louisiana waren gänzlich anders als Eddys Leben in Neuengland. Und doch ist beachtenswert, dass ihnen die enormen Anforderungen finanzieller Engpässe, einer gescheiterten Ehe und des Lebens als alleinerziehende Mutter gemein waren, ebenso wie eine neuentdeckte Kraft, die daraus entstand, dass sie sich für Trost und Führung auf einen sich vertiefenden dynamischen Glauben stützen konnten.
Aufgewachsen in Houma, Louisiana, vor Verabschiedung der Bürgerrechtsgesetze von 1964 erlebte Shoemake selbst Rassismus auf schmerzliche Weise. Sie musste Schulen nur für Afroamerikaner:innen besuchen und durfte nur bestimmte Trinkwasserspender benutzen. In einem Interview im Christian Science Journal vom März 2009 erzählte sie:
Meine Mutter war Haushaltshilfe und die Tochter ihres Chefs hat mich oft eingeladen, mit ihr und ihrer Cousine zu spielen. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Tag, als ich ungefähr zehn war. Wir hatten schön gespielt und viel Spaß gehabt, und dann rief die Mutter meiner Freundin uns zum Mittagessen. Meine beiden weißen Freundinnen gingen ins Haus, doch ich musste allein draußen auf der Veranda essen, und die Tür zum Haus wurde geschlossen. … erst als ich als Erwachsene die Christliche Wissenschaft fand, änderte sich mein ganzes Denken über Ethnien, denn diese Sichtweise eröffnete mir die Idee einer allmächtigen, göttlichen Liebe …1
Nachdem sie an der Dillard University, einer historisch afroamerikanischen Hochschule in New Orleans, studiert hatte, zog sie nach Los Angeles, um in einer neuen Umgebung einen Neuanfang zu machen. Dort arbeitete sie in der Modebranche und als Model; sie schloss die John Robert Powers School of Modeling ab. Die Christliche Wissenschaft fand sie in einem Augenblick schlimmer Not – und auf unerwartete Weise, wie sie später beschrieb:
Als ich einmal allein zu Hause war und genug hatte von dem Auf und Ab des unsicheren Lebens, musste ich weinen. Ich rief buchstäblich laut aus: „Wenn es hier irgendwo einen Gott gibt, dann höre mich bitte! Ich werde alles tun, um Dich zu finden. Zeig mir nur, dass Du existierst! Ich bitte Dich!“ Nach diesem Gefühlsausbruch empfand ich tiefen Frieden. Am nächsten Tag sah ich im Waschsalon eine kleine Zeitschrift, auf die jemand die Worte „Nimm mich mit“ gestempelt hatte. Das tat ich.2
Diese Zeitschrift war der Christian Science Sentinel, den sie in der Überzeugung regelrecht verschlang, dass ihr Gebet erhört worden war. „Ich hatte noch nie von einem Gott gehört wie dem, der da beschrieben wurde, das können Sie mir glauben!“, erzählte sie später in einem Interview mit Journal-Redakteurin Joan Taylor.3
Damals kriselte es in Shoemakes Ehe und sie trank viel. Außerdem rauchte sie drei Packungen Zigaretten am Tag. Sie hatte vier kleine Kinder. An dem Tag, nach dem sie Gott im Gebet angefleht hatte, saß sie wegen einer kaputten Waschmaschine vor einem Berg schmutziger Windeln. Der dadurch nötige Weg in den Waschsalon war der Beginn ihrer lebenslangen Hingabe an das Studieren, Praktizieren und Verbreiten des christlich-wissenschaftlichen Heilens. Als sie Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift von Mary Baker Eddy las, verschwand Shoemakes Verlangen nach Zigaretten und Alkohol. Später ließ sie sich scheiden. Zwar gab dieser Schritt ihr unerwartete Freiheit, doch sie geriet auch in extreme finanzielle Schwierigkeiten, da sie nun allein für vier Kinder zu sorgen hatte.4
Für Shoemake war die Christliche Wissenschaft eine große Hilfe bei der Erziehung und Versorgung ihrer vier Kinder – Sabra, Isahn, Lian und Shouna. 1974 inserierte sie erstmals als Praktikerin der Christlichen Wissenschaft im Journal und war bis an ihr Lebensende in der Heilpraxis tätig. Sie teilte ihre Ideen und Erfahrungen in den Zeitschriften der Christlichen Wissenschaft, sowohl in Artikeln als auch in Audioaufnahmen, wobei sie häufig ihre Kinder erwähnte.
In einem Programm von Sentinel Radio aus dem Jahr 1998 mit dem Titel „Trusting God to meet our needs“ [Darauf vertrauen, dass Gott alle unsere Bedürfnisse stillt] erzählte sie, wie sie es geschafft hat, mit augenscheinlich leerem Tank von ihrem Haus in San Diego bis nach Los Angeles zu fahren (über 160 km). Sie hatte ihre Kinder aufgefordert, den ganzen Weg über Loblieder zu Gott zu singen. Und sie sprach über die Ermutigung durch ihre zwölfjährige Tochter, als sie nicht wusste, wie sie die Strom- und Gasrechnung bezahlen sollte.
Als ihr angedroht wurde, das Gas würde wegen der ausbleibenden Zahlung abgedreht werden, war sie weinend in den Garten gegangen. Zurück im Haus sah sie, dass ihre Tochter einen Zettel an die Tür geklebt hatte: „Denke hieran: ‚Ich will lieber im Haus meines Gottes die Tür hüten als in den Zelten der Gottlosen wohnen‘ (Psalm 84:11).“ Neben diesen Bibelvers hatte ihre Tochter geschrieben: „Ich bin dankbar, dass all mein Tun in Ihm liegt, und Er wird den Aufrichtigen nichts Gutes vorenthalten.“5Darunter hatte ihre Tochter einen Pfeil gezeichnet, der auf das Wort Gas wies. (Wie die Familie berichtet, war das ein Zeichen dafür, wie alle vier ihrer Kinder zu unterschiedlichen Zeiten notwendige geistige Unterstützung leisteten.) „Das war Reichtum für mich!“, erklärte Shoemake. Es war bereits ein Mann gekommen, um das Gas abzustellen, doch er ging wieder und kehrte nicht zurück – obwohl sie die Rechnung erst Wochen später bezahlen konnte.
Nach dieser Erfahrung fand Shoemake berufliche und geistige Erfüllung in ihrer Arbeit als Praktikerin und die Familie war ausreichend versorgt. Sie geriet nie wieder in eine Situation großen Mangels.6
Sie beschrieb ferner, wie das Studium und die Praxis der Christlichen Wissenschaft ihr später halfen, ihre Kindheitserlebnisse mit Rassismus zu überwinden:
… Im Lauf der Jahre konnte ich zwar meine Vorurteile hinlänglich überwinden, um sagen zu können: „Einige meiner besten Freundinnen und Freunde sind Weiße“ (bzw. jüdisch, asiatisch oder was auch immer), doch ich stellte fest, dass ich mich immer noch von Menschen anderer Ethnien getrennt fühlte. Ich wusste, dass ich weiter Fortschritt machen musste, denn solange ich diese Trennung von anderen empfand, war ich nicht völlig geheilt von Vorurteilen.
Dann fand ich die Christliche Wissenschaft und damit das Bindeglied, das mir gefehlt hatte. Jetzt konnte ich die Brücke bauen. Wir lesen in der Bibel: „Haben wir nicht alle einen Vater? Hat uns nicht ein Gott geschaffen?“ (Maleachi 2:10). Und in Galater (3:28): „Da ist weder Jude noch Grieche, weder Knecht noch Freier, weder Mann noch Frau; denn ihr seid alle einer in Christus Jesus.“ Diese Bibelstellen wurden mir durch Mary Baker Eddys Buch Wissenschaft und Gesundheit verständlich. Es sagte mir beispielsweise: „Wir sollten gründlich verstehen, dass alle Menschen ein Gemüt einen Gott und Vater, ein Leben, eine Wahrheit und eine Liebe haben. In dem Verhältnis, wie diese Tatsache sichtbar wird, wird die Menschheit vollkommen werden, der Krieg wird aufhören und die wahre Brüderlichkeit des Menschen wird begründet werden“ (S. 467). Zu entdecken, was Gott ist – unser aller Vater und Mutter –, eröffnete mir eine völlig neue Sichtweise auf alle anderen. Diese Sichtweise überwand Ethnie, Gesellschaftsklasse, Hautfarbe, Religionszugehörigkeit, nationale Herkunft, Kultur, Abstammung, Blutsverwandtschaft … 7
1991 wurde Shoemake in den Vortragsrat der Christlichen Wissenschaft berufen, und in dieser Rolle hielt sie 17 Jahre lang öffentliche Vorträge, in denen sie direkt auf das Thema Rassismus einging. Nach den Ausschreitungen in Los Angeles, die durch die Misshandlung des Afroamerikaners Rodney King durch einen Polizisten im Jahre 1991 ausgelöst wurden, hielt Shoemake Vorträge in Süd-Kalifornien und in den gesamten Vereinigten Staaten zum Thema Rassenunruhen und -konflikte. Und sie nahm 1995 einen Video-Vortrag mit dem Titel „Love is a be… Love is a do“ [Liebe ist ein Sein … Liebe ist ein Tun] auf. Er wurde auf vielen Fernsehkanälen in den Vereinigten Staaten ausgestrahlt und erreichte ein breites Publikum.
1994 wurde Shoemake Lehrerin der Christlichen Wissenschaft. Neben ihrer Arbeit als Praktikerin, Lehrerin und Vortragende der Christlichen Wissenschaft beteiligte sie sich ehrenamtlich in ihrem Umfeld, unter anderem als Gefängnisseelsorgerin. Einmal beschrieb sie ihre Erfahrung darin, Personen ihres Umfelds bei einer Tragödie beizustehen:
Am Tag nach dem tragischen Amoklauf an einer Highschool unweit meines Hauses in Süd-Kalifornien kamen viele aus der Umgebung und von weiter weg in einer Kirche zusammen, die sich liebevollerweise als Krisenzentrum angeboten hatte. Die dort Versammelten hatten verschiedene Hautfarben und gehörten zu den verschiedensten Gesellschaftsschichten, Altersgruppen und Glaubensrichtungen. Es waren Schülerinnen und Schüler da, die die Tragödie selbst miterlebt hatten, sowie weitere Schülerinnen und Schüler, Eltern, Lehrerinnen und Lehrer, Trauerbegleiterinnen und -begleiter, Geistliche und Ehrenamtliche. Sie alle waren aus einem Grund gekommen: aus Liebe. Um Trost zu spenden und/oder zu erhalten. Als praktizierende geistige Heilerin war ich gekommen, um Trost zu spenden.
Worte können nicht beschreiben, welch eine Liebe ich fühlte, als ich das Gebäude betrat. Jeder von uns hat irgendwann einen anderen umarmt. Ich bin sicher, dass viele kaum jemanden dort kannten. Aber das machte nichts. Der Grund für unsere Anwesenheit war viel größer als die Vertrautheit mit den anderen – es war Liebe … 8
Im Verlauf der Jahre sagten viele, die Shoemakes Artikel lasen und sie sprechen hörten, wie sehr sie ihren erfrischend zugänglichen, direkten und doch humorvollen Ton schätzten. Eine Heilung, von der sie berichtete, hatte mit dem Bedarf nach mehr Demut ihrerseits zu tun, der ihr durch Gebet offenbar wurde. Die Art, wie sie diese Erkenntnis beschrieb, zeigt gut ihre zuversichtliche, sachliche Herangehensweise an das Praktizieren der Christlichen Wissenschaft:
Das Erste, was mir einfällt, wenn ich an Demut denke, ist, dass man eine Menge davon benötigt, um zu verstehen, dass man das Kind Gottes ist. Was müssen wir aufgeben, um zu dieser Art von Demut zu kommen? Meine Lieben, wir müssen alles aufgeben!9
Earline Shoemakes bescheidene Anfänge und ihre innige Suche nach Gott führten sie zu einem Leben des hingebungsvollen Dienstes als Heilerin. Ihre einzigartig ehrliche, von Herzen kommende Kommunikationsweise inspiriert und berührt bis heute diejenigen, die ihre Artikel lesen und ihre Stimme in Aufnahmen hören. Ihr Wirken dauert fort – zusammen mit den Beispielen, die sie durch ihre umfangreichen Beiträge zur Bewegung der Christlichen Wissenschaft geliefert hat.
Dieser Artikel steht auch auf unseren englischen, französischen, portugiesischen und spanischen Webseiten zur Verfügung.
- Joan Taylor, „‚Don‘t hang back!‘“ [‚Bleiben Sie nicht zurück!‘], The Christian Science Journal, März 2009, 41.
- Zeugnis, Christian Science Sentinel, 13. März 1978, 430.
- „‚Don’t hang back!“‘, Journal, März 2009, 42.
- Siehe Shoemake, „Parenting on your own – how do you cope?“ [Alleinerziehend – wie schafft man das?], Sentinel, 8. April 2002, 10–11.
- Siehe Psalm 84:12.
- Siehe Shoemake, „Trusting God to meet our needs“, Sentinel Radio, 15. Februar 1998, https://sentinel.christianscience.com/shared/view/jkfb53iysc?s=copylink.
- Shoemake, „Beyond Racism“ [Rassismus hinter uns lassen], Sentinel, 7. Oktober 2002, 26.
- Shoemake, „The comforting power of Love“ [Die tröstliche Macht der Liebe], Sentinel, 14. April 2003, 17.
- Shoemake, „Humility“ [Demut], Journal, Februar 2008, 43.