Was ist der Hintergrund zu Zweigs Biografie über Eddy in Die Heilung durch den Geist?

9. November 2020

Heute ist der berühmte österreichische Schriftsteller Stefan Zweig (1881–1942) vielleicht am meisten für seine Erzählungen bekannt. Aber er war auch ein produktiver Autor von Sachbüchern – insbesondere von Biografien. Und Gegenstand einer seiner Biografien war Mary Baker Eddy.

Zweigs Kurzporträt von Eddy ist Teil einer Reihe biografischer Trilogien, die in den 1920er und 1930er Jahren geschrieben wurden, als er einer der weltweit angesehensten und beliebtesten Schriftsteller war. Zusätzlich zu Eddy enthält sein 1931 erschienenes Buch Die Heilung durch den Geist (ins Englische übersetzt als Mental Healers) Porträts von Franz Anton Mesmer und Sigmund Freud. Es war der vierte und letzte Teil seiner Serie „Die Baumeister der Welt: Versuch einer Typologie des Geistes“, begonnen im Jahr 1919. Wie zahlreiche von Zweigs Werken wurde Die Heilung durch den Geist übersetzt; so lag es im Jahr 1932 auf Deutsch, Englisch, Französisch und Spanisch vor.1

Die Heilung durch den Geist besteht aus drei Essays, je einer über Mesmer, Eddy und Freud. Nicht alle drei sind biografische Porträts. Der Essay über Freud enthält sehr wenige derartige Informationen und konzentriert sich auf die Beschreibung der Psychoanalyse und ihrer Auswirkungen auf die moderne Medizin und die Gesellschaft. (Zweig kannte Freud und bewunderte seine Arbeit.) Andererseits befassen sich die Porträts Mesmers und Eddys eingehend mit dem Leben der beiden. Und während Mesmer als einer der Väter der modernen Psychologie gelobt wird, als wohlwollender und hochprofessioneller Mann der Medizin, ein Jahrhundert zu früh geboren, wird Eddy als ein Genie mit unstillbarem Verlangen nach Geld dargestellt, als eine Frau, die im Wesentlichen Mesmers Ideen neu verpackt und als Religion vermarktet hat.

Zu Zweigs Werk bemerkte der Autor Eryck de Rubercy: „Man kann sagen, dass die häufigste Kritik an Zweig ist, dass er eine psychologische oder psychoanalytische Biografie schreibt anstatt einer klaren Analyse seines literarischen Gegenstandes.“2 Zweigs Porträts können als literarische Werke gelesen werden, und in dieser Hinsicht können wir den Wert seiner Werke schätzen. Aber sollten sie gelesen werden, um historisches Wissen zu erlangen?

Norman A. Brittin, ein Zeitgenosse Zweigs, der seine Schriften bewunderte, war sich gleichzeitig bewusst, dass Zweigs psychologischer Ansatz zwar faszinierend war, den Wert seiner Schriften als historische Erzählungen jedoch schmälerte. Er empfand Zweig als einen „Ungewöhnlichen unter den Biographen, denn er zeigt seine eigenen dramatischen Absichten an Hand der Gesetze des Lebens auf“, fuhr aber fort und sagte:

Diese zweckorientierte Grundausrichtung kann für einen Historiker gefährlich sein, denn wenn er sein Material mehrfach derart überlagert, gerät sein Werk möglicherweise übermäßig verallgemeinert und daher zu stark vereinfacht. Aber Zweigs Biographien sind nicht die Werke eines Historikers. Von einem geschichtlichen Standpunkt aus betrachtet, enthalten sie ein Übermaß an Interpretation, das die Erzählung blockiert. Sie sind die Werke eines Essayisten und Kritikers, der die psychologische Methode nutzt. Zweig kommt es darauf an, seine Personen zu typisieren und innere Probleme einer Persönlichkeit aufzulösen, die psychologischen Formeln zu entdecken, die seine jeweiligen Personen unter dem Druck besonderer Umstände als Menschen glaubwürdig machen …3

Problematisch sind auch die Quellen, die Zweig für seine Darstellung Eddys verwandte. Er war niemand, der sich mit historischer Tiefenrecherche beschäftigte, und in seiner Einleitung beschrieb er die Herausforderung, mit der er beim Schreiben über Eddy zu seiner Zeit konfrontiert war – ein Mangel an unvoreingenommenen Quellen. Er bezeichnete Sybil Wilburs höchst wohlwollende Schilderung von Eddys Leben als „rosenrote Biographie“ und verwies auf die „schwarzen“ Biografien von Georgine Milmine und Edwin Franden Dakin, die ein lebhaftes Bild einer Frau zeichnen, die von Hysterie geplagt und von Gier und Herrschsucht motiviert war.4

Tatsächlich ließe sich aus diesen gegensätzlichen Darstellungen nur schwer ein ausgewogenes Porträt Eddys zusammenstellen. Und vielleicht hegte sogar Zweig selbst diese Vermutung und äußerte daher Folgendes:

… So stehen sich Evangelium und Pamphlet, also rosenrot und pechschwarz, entschlossen gegenüber. Aber sonderbar: für den unparteiischen Beobachter dieses psychologischen Falles vertauschen die beiden Bücher merkwürdig ihre Wirkung. Gerade die Biographie der Miß Milmine, die um jeden Preis Mary Baker-Eddy lächerlich erscheinen lassen will, macht sie psychologisch interessant; und gerade die rosenrote Biographie mit ihrer platten, maßlosen Vergötterung macht diese durchaus interessante Frau unheilbar lächerlich.5

Zweig war entschlossen, die „schwarze“ Interpretation von Eddys Leben zu verwenden und schrieb zu einer Zeit, als wissenschaftliche Recherche über sie praktisch nicht existierte; somit hatte er wenig Möglichkeiten, eine glaubwürdige und unvoreingenommene Darstellung dieser religiösen Führerin zu verfassen. Und vielleicht war er sich selbst dessen bewusst. Seine erste Frau, Friderike Zweig, erinnerte sich später: „Er fürchtete selbst, mit seiner Heftigkeit über das Ziel hinausgeschossen zu sein …“6

Möglicherweise war sich Zweig auch der frauenfeindlichen Haltung, die in seinen Quellen vorherrscht, nicht bewusst oder davon unbeeindruckt. Faszinierende Diskussionen der Vorurteile seitens Milmine/Dakin – insbesondere die Behauptung, dass Eddy eine Hysterikerin war – finden sich in Gillian Gills Biografie aus dem Jahr 1998 Mary Baker Eddy (siehe z.B. Seiten 28–48). Gill fasst die Diskrepanz zwischen den Porträts von Eddy und denen großer männlicher Autoren ihrer Zeit zusammen:

Während die gravierenden Unzulänglichkeiten von Charles Dickens oder Mark Twain oder Leo Tolstoi als Ehemänner und Väter als irrelevant für ihre Leistung oder sogar als traurige, aber unausweichliche Folge ihres Genies angesehen werden, wurde Mary Baker Eddy durchgängig an einem anderen Standard gemessen: Von ihr wurde sowohl erwartet, alle Aufgaben und Rollen einer „normalen“ Ehefrau und Mutter ihrer Zeit zu erfüllen, als auch, eine neue Glaubensgemeinschaft zu gründen. So führen zwei ihrer wichtigsten, ihr feindlich gesonnenen Biografen, Georgine Milmine und Edwin Dakin, hämisch ein Beispiel nach dem anderen für ihre Unzulänglichkeiten als Ehefrau, Mutter und Hausfrau an. Loyale Biografen wie Sibyl Wilbur und Lyman Powell ihrerseits führen Gegenbeispiele für Mrs. Eddys außerordentliche Reinlichkeit, ihren liebevollen Umgang mit Kindern und ihre treue Hingabe an drei Ehemänner an …

Nicht nur wird ihre Weiblichkeit in Frage gestellt, sondern sie wird auch angegriffen oder bestenfalls widerwillig bewundert, weil sie Eigenschaften zum Ausdruck bringt, die traditionell als männlich gelten: Originalität, Ehrgeiz, Tatkraft, Schonungslosigkeit, Selbstvertrauen, Geschäftssinn, Risikobereitschaft und die Bereitschaft, neue Wege zu gehen, zielstrebige Hingabe an eine Sache, die Auswahl von Vertrauten außerhalb des Familienkreises und vor allem der prophetische Glaube, dass sie das auserwählte Gefäß für Gottes Vorhaben und die Verfechterin einer neuen Offenbarung war.7

Neun Jahrzehnte nach der Veröffentlichung von Zweigs Werk hat sich viel verändert. Es gibt nicht nur sowohl über Eddy als auch über die Christliche Wissenschaft gut recherchierte Forschungsergebnisse. In der Mary Baker Eddy Bibliothek sind auch zehntausende Seiten historischer Dokumente öffentlich zugänglich. Unsere Sammlungen umfassen Eddys Briefe, Korrespondenz, die sie erhielt, Dokumente ihrer Zeitgenossen, Memoiren und Erinnerungen. Die Zeit ist sicherlich reif für weitere Recherchen und Veröffentlichungen über diese Frau, ihre Lehren und die von ihr gegründete Kirche.8

Anhang: Stefan Zweig, wie ich ihn erlebte

Friderike Zweigs Erinnerungen in Bezug auf Die Heilung durch den Geist geben einen wertvollen Einblick in Stefan Zweigs Sichtweise auf Eddy und die Christliche Wissenschaft. Aber dieser Kommentar lässt sich schwer finden; er ist nur in deutschen Ausgaben ihres Buches nachzulesen. Hier die besagte Passage, die wir unseren Lesern zur Verfügung stellen möchten.

… Deshalb hat er in dem Essay über Mary Baker-Eddy seine Vehemenz so kräftig eingesetzt. Er fürchtete selbst, mit seiner Heftigkeit über das Ziel hinausgeschossen zu sein, und war nicht wenig berührt von der besonderen Vornehmheit, mit der einige Anhänger der Christian Science ihm erwiderten. In London zog uns einmal, beim Vorübergehen, einer der so würdig ausgestatteten Lesesäle dieser Bewegung an. Spontan traten wir ein, und er war geradezu beschämt über die ihm dort ahnungslos gespendete Freundlichkeit. Da Menschen mit eigenartigen Schicksalen immer einen besonderen Anreiz auf ihn ausübten, ist es nicht zu verwundern, dass er sich für Mary Baker-Eddys Leben so eingehend interessiert hat …9

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  1. Das Buch wurde laut WorldCat (WorldCat.org) in eine Reihe von Sprachen übersetzt. Dieser globale Buchkatalog führt Übersetzungen nur des Eddy-Teils dieses Buches ins Französische und Spanische auf, sowie Übersetzungen des gesamten Buches von Zweig ins Französische, Englische, Spanische, Portugiesische, Italienische, Chinesische, Türkische, Rumänische, Ungarische, Polnische und Norwegische.
  2. Eryck de Rubercy, „Stefan Zweig, un maître de la biographie“ [Stefan Zweig: Ein Meister der Biografie], Revue des deux Mondes [Bericht aus zwei Welten – französische Kulturzeitschrift] (Juli–August 2010), 103. Original: « Ainsi la critique de Zweig est-elle avant tout, peut-on dire, un biographie psychologique, ou un portrait psychocritique, plutôt qu’une analyse stricto sensu de l’œuvre. »
  3. Norman A. Brittin, „Stefan Zweig: Biographer and Teacher“ [Stefan Zweig: Biograf und Lehrer], The Sewanee Review, Bd. 48, Nr. 2 (April–Juni 1940), 254.
  4. Siehe Stefan Zweig, Die Heilung durch den Geist: Mesmer, Mary Baker Eddy, Freud, auf English Mental Healers, Eden and Cedar Paul (New York: The Viking Press, 1932), 106–108.
  5. Zweig, Die Heilung durch den Geist, 108.
  6. Friderike Zweig, Stefan Zweig, wie ich ihn erlebte (Stockholm: Neuer Verlag, 1947), 211.
  7. Gillian Gill, Mary Baker Eddy (Reading, MA: Perseus Books, 1998), xxiii.
  8. Für neuere Biografien von Eddy bietet christianscience.buysub.com/biographies.html Bücher in Englisch, Französisch, Deutsch, Spanisch und Portugiesisch zum Kauf an.
  9. Friderike Zweig, Stefan Zweig, wie ich ihn erlebte, 211–212.