Mary Baker Eddys Ernennung des Pastors der Christlichen Wissenschaft
Von Eric Nager
Mit der Zeit begannen diese Verpflichtungen Eddy zu belasten, und sie bemühte sich, andere zu finden, die ihre Offenbarung ausreichend verstanden und die nötige Hingabe besaßen, um ihr bei der Arbeit zu helfen. Am dringendsten war wohl ihr Wunsch, dass der Erfolg der Christlichen Wissenschaft nicht allein von ihrer Person abhängen sollte. Wie konnte sie das Wachstum einer neuen Religion optimal skalieren? Zwar hatte sie im Jahr 1889 noch keine definitive Antwort, doch sie unternahm klare – und unerwartete – Schritte, als sie ihre Kirche auflöste und von Boston nach New Hampshire zog. Ein wichtiger Aspekt war ihre Betrachtung der Rolle des Pastors in der Kirche im Verlauf der darauffolgenden Jahre.
Eddy wusste, dass eine erfolgreiche Kirchenstruktur ein wichtiger Schutz der Bewegung der Christlichen Wissenschaft war. Aber sie stand vor einem Dilemma, das sie 1888 in einem Brief an eine Schülerin oder einen Schüler so zusammenfasste: „Ich kann nicht die Pastorin und alles andere sein, das ich sein muss“, schrieb sie, und schloss den Brief mit den Worten: „Die Kirche ist unsere einzig sichere Grundlage für den Aufbau der C.W. [Christlichen Wissenschaft] im Bewusstsein der Allgemeinheit.“3
Obwohl Eddy die Kirche auflöste, wurden immer mehr christlich-wissenschaftliche Gottesdienste abgehalten. Die Gruppe in Boston arbeitete beispielsweise als „freiwilliger Zusammenschluss“ weiter, ohne dass die Aktivitäten wesentlich von der Änderung betroffen waren. Während der 1880er-Jahre waren Kirchen in allen Teilen der Vereinigten Staaten entstanden. In einigen Regionen wollten Christliche Wissenschaftler:innen Gottesdienste abhalten, fanden aber niemanden, der eine Predigt halten konnte. Im Jahr 1890 hatten einige Kirche angefangen zu experimentieren, da Eddy keine öffentlichen Anweisungen gegeben hatte – eine neue Kirche in Chicago gab beispielsweise bekannt: „Da wir uns bewusst sind, dass Wissenschaft und Gesundheit sowohl unser Lehrer als auch unser Heiler ist, haben wir beschlossen, es mit auf die Kanzel zu nehmen und auch zu unserem Prediger zu machen, indem wir anstelle einer Predigt Auszüge daraus verlesen, zusammen mit passenden Stellen aus der Bibel.“ Das Ergebnis war, dass sich die Teilnahme an den Gottesdiensten in dieser Kirche und in der dazugehörigen Sonntagsschule innerhalb von zwei Monaten verdoppelte.4
Auch in Cleveland nutzten Kirchen das Lehrbuch für die Gottesdienste. George Day, der Predigten hielt, berichtete: „Einige haben sich abgesondert, um S&H [Wissenschaft und Gesundheit] zu ihrem Prediger zu machen, und sie möchten sich von einer Kirche abwenden, in der ein Mensch der Pastor und ‚persönliche Meinungen‘ die Grundlage für die Predigt sind.“5 Er äußerte ferner die Frage, ob eine Kirche unter weiblicher Führung erfolgreich sein könne. Wäre es möglich, ein Buch als Prediger einzusetzen, um die Frauenfeindlichkeit der damaligen Zeit zu umgehen?
Eddy hatte ihr Buch in privaten Kreisen schon 1890 als Prediger bezeichnet. „Ich glaube, es wird sich zeigen, dass Wissenschaft und Gesundheit der beste Prediger für eine:n Schüler:in ist, die oder der das Buch liebt und versteht“, schrieb sie an Hannah A. Larminie, eine Schülerin aus Chicago.6 Es ist sogar wahrscheinlich, dass einer der Hauptgründe, warum Eddy 1889 aus Boston wegzog, die Arbeit an der 50. Ausgabe von Wissenschaft und Gesundheit war, einer der bedeutendsten Überarbeitungen dieses Werks. Sie stellte die Arbeit an dieser Ausgabe 1891 fertig.
Selbst in der zweiten Hälfte des Jahres 1891 erwartete Eddy noch, dass es Prediger:innen in ihrer Kirche geben würde. In einem Artikel im Journal schrieb sie: „Die Zeit nähert sich, wenn jede Kirche Christi (Wissenschaftler) christlich-wissenschaftliche Pastorinnen und Pastoren auf ihre Kanzel rufen wird, die angemessen für dieses ehrenvolle Amt ausgerüstet sind.“ Bezeichnenderweise erlaubte sie Kirchen, aus „meinen Werken“ abzuschreiben und in den Sonntagsgottesdiensten vorzulesen, bis genügend Menschen für diese Berufung als Prediger:in bereitstanden, vorausgesetzt, dass diese Abschriften anschließend sofort vernichtet wurden.7 Wie lange diese Übergangslösung möglicherweise notwendig sein würde, sagte sie nicht.
Die Qualität der Predigten stand im Mittelpunkt von Eddys Überlegungen. Offensichtlich war sie der Meinung, dass die Wahl der falschen Person als Prediger:in einen vorübergehenden Rückschritt für die Christliche Wissenschaft an dem betreffenden Standort bedeuten konnte. In einem Brief an ihre Schülerin Caroline Frame aus New York City schrieb sie 1891 in Bezug auf die Sonntagspredigten: „Derzeit würde ich sie vollständig aus der Bibel und Wissenschaft und Gesundheit zusammenstellen … Diese Prediger werden das Denken ganz sicher nicht in die Irre führen, meine Schüler:innen allerdings machen in ihren Predigten einige unglückliche Fehler.“8
Ein Teil der Herausforderung für eine:n christlich-wissenschaftliche:n Prediger:in war, allein aufgrund von Inspiration zu predigen – und zwar jede Woche. Wie Eddy ihrer Chicagoer Schülerin Ruth Ewing 1894 ans Herz legte: „Alle Prediger:innen der Christlichen Wissenschaft sollten frei sprechen.“ Sie fuhr damit fort, dass es akzeptabel war, sich ein paar Stichworte zu Themen aufzuschreiben und auf einen Tisch oder ein Podium zu legen, doch sie betonte, dass es am wichtigsten war, „sich die Worte von Gott eingeben zu lassen“.9 Der Mangel an Prediger:innen – und die Herausforderung, kompetente Personen zu finden (einige Pastor:innen waren ausgebildete Geistliche, die Christliche Wissenschaftler:innen geworden waren) – erschwerte die Verbreitung von Kirchen der Christlichen Wissenschaft.
Das Jahr 1894 war insofern bedeutsam, als nun das ursprüngliche Gebäude der Mutterkirche in Boston im Bau war. Als die Zeit für den ersten Gottesdienst näher rückte, sandte Eddy Anweisungen an den Vorstand der Kirche: „Gott hat klar und deutlich zu mir gesprochen, dass die Bibel und Wissenschaft und Gesundheit die einzigen Prediger in diesem Seinem Haus sein sollen.“10 Zu jenem Zeitpunkt galt das nur für die Mutterkirche. Es war die erste formelle Ernennung der beiden Bücher zum Pastor einer christlich-wissenschaftlichen Kirche, und sie hat bis heute Bestand.
Da die Mitglieder des Vorstands der Christlichen Wissenschaft vielleicht noch nicht bereit waren, die Idee eines persönlichen Pastors vollständig aufzugeben, luden sie Eddy im März 1895 ein, zusammen mit der Bibel und Wissenschaft und Gesundheit die „ständige Pastorin“ der Mutterkirche zu werden. In ihrer Antwort fünf Tage später lehnte sie das Angebot ab und schlug stattdessen den Titel „Pastorin Emerita“ vor, mit der Erklärung: „Durch mein Buch, Ihr Lehrbuch, spreche ich bereits jeden Sonntag zu Ihnen.“11 Ihre „Stimme“ sollte sonntags weit über Boston hinaus zu vernehmen sein.
Nach den Einweihungsgottesdiensten der Mutterkirche dauerte es nicht lange, bis Eddy die Bücher zum Amt des Pastors für alle Zweigkirchen der Christlichen Wissenschaft weltweit berief. Das Journal vom April 1895 enthielt folgende Bekanntmachung: „Demütig und, wie ich glaube, göttlich geführt, setze ich hierdurch die Bibel und Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift als nunmehr einzigen Pastor der Kirche Christi, Wissenschafter, in unserem Land und in anderen Ländern ein.“12 Damit war das Problem, Pastor:innen für die Kirchen zu finden, endlich gelöst.
Das hieß nicht, dass es keine Regeln und Richtlinien für die Laienleserinnen und -leser gab, die aus der Bibel und Wissenschaft und Gesundheit vorlesen sollten. Indem sie die Regeln formulierte, die für die Mutterkirche galten, schuf Eddy eine Vorlage für alle Zweigkirchen auf der ganzen Welt. Dazu gehörte die Bitte, dass es sich bei den ernannten Leser:innen um einen Mann und eine Frau handeln sollte, dass sie nicht aus Abschriften, sondern aus den Büchern selbst vorlesen sollten, und dass man beim ersten Erwähnen von Wissenschaft und Gesundheit in einer Predigt den vollständigen Titel und die Verfasserin angeben sollte. Leserinnen und Leser sollten „einen angemessenen Teil ihrer Zeit der Vorbereitung auf das Lesen widmen“ und „sich von der Welt unbefleckt halten“. Bei der Festlegung dieser Regeln bestätigte Eddy, dass die Sonntagspredigt „eine Lektion ist, von der das Gedeihen der Christlichen Wissenschaft in so hohem Maße abhängt“.13 14 Der Vorstand übernahm diese Regeln im Januar 1895.
Kaum hatte Eddy den neuen Pastor für alle Kirchen ernannt, als auch schon erste Berichte aus dem christlich-wissenschaftlichen Feld eingingen. Ein gutes Beispiel hierfür stammt von Sarah J. Clark in Toledo, Ohio: „Obwohl mir die Bibellektionen schon immer sehr viel bedeutet haben, bin ich erstaunt festzustellen, dass meine bisherige Beschäftigung damit in keinem Vergleich zu der tieferen Bedeutung steht, die mit ihrer neuen Stellung einhergeht.“ Sie berichtete, dass die Gemeinde seit dem Wechsel gewachsen sei.15 Das muss eine sehr angenehme Bestätigung gewesen sein!
Vielleicht hat Lanson Norcross, der in den 1880er Jahren in der Mutterkirche predigte, die Gründe für die Ernennung der beiden Bücher am besten zusammengefasst. Im Journal vom August 1895 nennt er vier Gründe für den Wechsel:
- keine persönlichen Meinungen mehr auf der Kanzel
- den Kirchen der Christlichen Wissenschaft in aller Welt einen Pastor bereitzustellen (etwas, das im Christentum einzigartig ist)
- die Schaffung von Einheit und Harmonie des Denkens unter den Mitgliedern
- ein Mittel zur Schwächung von Rivalitäten innerhalb der Kirche16
Der letzte Punkt war Eddy besonders wichtig. Sie äußerte sich lobend über Norcross‘ Artikel.17 Sie hatte erlebt, wie vormals treue Schüler:innen sich von der Bewegung abwandten, bevor sie die Kirche 1889 auflöste.
Mit Ausnahme von Wissenschaft und Gesundheit kann man argumentieren, dass nichts die Bewegung der Christlichen Wissenschaft über Mary Baker Eddy hinaus so erweitert und gestärkt hat wie ihre Entscheidung, die Bibel und Wissenschaft und Gesundheit zum Pastor der Kirche zu ernennen. Bis zum heutigen Tag wird in jeder Kirche der Christlichen Wissenschaft weltweit zu Beginn jedes Sonntagsgottesdienstes eine erklärende Anmerkung aus dem Vierteljahresheft der Christlichen Wissenschaft verlesen. Sie beginnt mit den Worten: „Freunde, die Bibel und das Lehrbuch der Christlichen Wissenschaft sind unsere einzigen Prediger.“
Eric Nager hat einen Masterabschluss in Geisteswissenschaften mit Schwerpunkt Geschichte von der Harvard University Extension School und war Lehrbeauftragter für Geschichte am Huntingdon College in Montgomery, Alabama. Er diente 30 Jahre als Reservist der US-Armee, zuletzt als Kommandohistoriker der US Army Pacific [US-Armee im Pazifik]. Zurzeit ist er im Büro des Schatzmeisters der Mutterkirche tätig.
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- Dieser Titel wurde 1883 erstmals verwendet.
- Im April 1885 in The Christian Science Journal umbenannt.
- Mary Baker Eddy an eine unbekannte Empfängerin oder einen unbekannten Empfänger, 24. September 1888, V01076.
- G. P. Noyes, „Church Service“ [Gottesdienste], The Christian Science Journal, Mai 1890, 65. Hier handelt es sich um Eddys Schülerin Caroline Noyes; mehr über sie erfahren Sie im Artikel Frauen der Geschichte: Caroline Noyes [auf Englisch] sowie auch hier: Aus den Mary Baker Eddy Papers: „Dieses Büchlein wird Sie berühmt machen!“.
- George Day an Lanson P. Norcross, 7. Juli 1891, 060a.17.058.
- Eddy an Hannah A. Larminie, 8. April 1890, L04501.
- Mary B. G. Eddy, „Advice to Students“ [Empfehlungen an Schüler:innen], Journal, August 1891, 182.
- Eddy an Caroline W. Frame, 21. September 1891, L12815.
- Eddy an Ruth B. Ewing, 23. Februar 1894, L08507.
- Eddy an den Vorstand der Christlichen Wissenschaft, 18. Dezember 1894, L02747.
- Siehe Eddy, Kanzel und Presse (Boston: The Christian Science Board of Directors), 86–87.
- Eddy, „Church and School“ [Kirche und Schule], Journal, April 1895, 1, deutscher Text zitiert nach Mary Baker Eddy, Vermischte Schriften 1883–1896, S. 313.
- Eddy, „Rules of The First Church of Christ, Scientist, in Boston“ [Regeln der Ersten Kirche Christi, Wissenschaftler, in Boston], 14. Januar 1895, L00663.
- Bereits 1891 erwartete Eddy, dass alle Gottesdienste den gleichen Ablauf haben sollten. Siehe Journal, Dezember 1891, 365.
- Sarah J. Clark an Eddy, 18. April 1895, 050.15.038.
- Siehe Lanson P. Norcross, „The New Pastor“ [Der neue Pastor], Journal, August 1895, 178–182.
- Siehe Eddy, Vermischte Schriften 1883–1896 (Boston: The Christian Science Board of Directors), 313.