Aus den Mary Baker Eddy Papers: Briefe aus dem westlichen Grenzland

9. November 2022

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Foto: Handschlag zwischen Ost und West beim Verlegen des letzten Gleises der Union Pacific Railroad [Union-Pacific-Eisenbahn], 10. Mai 1869, von Andrew J. Russell. Mit freundlicher Genehmigung der Beinecke Rare Book and Manuscript Library [Beinecke Bibliothek für seltene Bücher und Manuskripte]. Brief: Edward P. Adams an Calvin A. Frye, 11. Januar 1886, 938.91.006. Tabelle: Amtliche Liste der Central Pacific Railroad [Central-Pacific-Eisenbahn] mit den Beamten, Bahnhöfen, Repräsentanten, der Auflistung der Entfernungen, etc., etc., 1884, Seite 55. Mit freundlicher Genehmigung der California State Railroad Museum Library [Bibliothek des California State Eisenbahnmuseums].

In der Mitte der 1880er Jahre gab es einen rapiden Anstieg der Anzahl der Schülerinnen und Schüler, die von Mary Baker Eddy in der Christlichen Wissenschaft unterwiesen wurden – ebenso wie bei deren Schülerinnen und Schülern. Viele Menschen kennen die unerschütterlich Tätigen, denen das Wachstum der Bewegung der Christlichen Wissenschaft jener Zeit zugeschrieben wird, dank der Berichte über ihre erfolgreiche Heilpraxis und Lehrtätigkeit in urbanen Zentren jenseits von Boston, wie zum Beispiel New York, Milwaukee, Chicago, Omaha und Denver.

Ein zusätzlicher wichtiger Aspekt bei der weiteren Ausbreitung der Christlichen Wissenschaft war allerdings das stille, ernsthafte Teilen von persönlichen Heilungserfahrungen in kleinen, ländlichen Gegenden weit weg von den städtischen Zentren. Dem Team der Mary Baker Eddy Papers wird immer deutlicher bewusst, dass ein Großteil derjenigen, die davon berichteten, unbekannt ist, weil sie keine große Unterrichtstätigkeit und Heilungspraxis begründet haben. Viele schickten nur eine Handvoll Briefe zurück nach Boston – möglicherweise sogar auch nur einen einzigen. Diese bescheidenen Leben prägten und waren geprägt durch den Aufbruch nach Westen, der sich in den Vereinigten Staaten vollzog. Und auch jenen kann die rasante Verbreitung der Christlichen Wissenschaft von Neuengland bis an die Westküste zugeschrieben werden.

Ein solches Beispiel kam kürzlich bei unserer fortwährenden Arbeit, Eddys Korrespondenz zu transkribieren und zu kommentieren ans Licht: Edward P. Adams (1842–1920), der von Eddy in der Christlichen Wissenschaft unterrichtet worden war. Geboren in Gilead, Maine, begann er mit etwa 16 Jahren für die Grand Trunk Railway [Grand-Trunk-Eisenbahn] und die Montreal Telegraph Company [Montrealer Telegafen-Gesellschaft] in Gorham, New Hampshire, zu arbeiten. Er blieb dort bis zum Dezember 1873, als die Central Pacific Railroad ihn als Stationsvorsteher in Corinne, Utah, einstellte.1

Adams nahm im November 1885 an Eddys Elementarunterricht in Boston teil. Ein Brief, den er ihr am 27. Oktober 1885 schrieb, deutet an, er könnte durch Sarah H. Crosse, die auch aus New Hampshire kam, mit der Christlichen Wissenschaft bekannt gemacht worden sein.2 Er nahm im Dezember 1885 an der Schülerversammlung der Christlichen Wissenschaft teil, bevor er wieder zu seiner Arbeitsstelle in Corinne zurückkehrte.

Am 11. Januar 1886 schrieb er einen Brief an Calvin Frye, in dem er eine Ausgabe von Eddys neu überarbeiteter 16. Auflage von Wissenschaft und Gesundheit bestellte und schrieb:

Am Weihnachtsabend kam ich hier in meinem Zuhause im Westen an, hatte eine angenehme Reise. Habe mich recht einsam gefühlt seit meiner Rückkehr, so weit entfernt von jenen, die Verständnis haben für die Wahrheit, aber den Verlust des Persönlichen finde ich ersetzt durch das geistige Licht, das mein großer Gewinn gewesen ist … bitte übermitteln Sie meine Liebe an die teure Mrs. Eddy, die ich in allerdankbarster Erinnerung behalte für dieses neue Leben, das sie mir eröffnet hat3

Dieser Brief mag auf den ersten Blick unscheinbar wirken. Aber in Wirklichkeit erlaubt er einen Blick auf eine Zeit und einen Ort der Geschichte der Vereinigten Staaten, die faszinieren. Und er zeigt die einzigartige Gelegenheit, die sich Adams bot, seine Hingabe für die Christliche Wissenschaft in seiner aufblühenden, wenn auch etwas rauen Grenzstadt zu teilen. Als Stationsvorsteher hatte er eine prominente Stelle bei der Eisenbahn – dem zentralsten und wichtigsten Unternehmen an einem, wie weitere Nachforschungen zeigen, etwas ungewöhnlichen Ort.

Corinne, Utah, war im März 1869 gegründet worden. Es liegt etwa 25 Meilen von der Stelle entfernt, wo am 10. Mai 1869 bei Promontory Summit [Gipfel in der Promontory-Region] der letzte „goldene Nagel“ in die Bahnstrecke getrieben wurde, der die Central Pacific Railroad mit der Union Pacific Railroad verband und den letzten Abschnitt der transkontinentalen Eisenbahn vervollständigte. Die Kirche Jesu Christi der Heiligen der Letzten Tage (Mormonen) breitete sich in Utah aus, und einige ihrer Anführer hatten ihrer Sorge über den Einfluss Ausdruck verliehen, den die Eisenbahn auf ihre Mitglieder haben könnte, wenn sich die Gegend für den Rest des Landes öffnete. Zeitweise wurden Geschäfte von Nicht-Mormonen boykottiert.4 Als Folge davon gründete eine Gruppe nicht-mormonischer Händler und aus der Armee ausgeschiedener Offiziere Corinne. Sie rechneten damit, nach der Fertigstellung der neuen Eisenbahnlinie ungehindert ihren Geschäften und anderen Unternehmungen nachgehen zu können, die mit der Fertigstellung einhergingen beziehungsweise dadurch ermöglicht wurden. Die Autorin Catherine Armstrong schreibt in einer Chronik von Corinne, dass die Stadt mehr oder weniger über Nacht entstanden sei:

Mehr als 500 Gebäude und Zelte aus Segeltuch beherbergten über 1000 Einwohner. Die Eisenbahnstadt hatte 28 Saloons, 16 Spirituosengeschäfte, ein paar Tanzlokale und einen nüchternen Ordnungshüter, um alle unter Kontrolle zu behalten. Bald war Corinne als ,Heiden-Hauptstadt von Utah‘ bekannt, in der Minen- und Bahnarbeiter, Spediteure und Frachtarbeiter Unterhaltung und Geschäftstätigkeit finden konnten.5

Neben der Tatsache, dass es sich schnell als wichtigstes Frachtzentrum der Region etabliert hatte, verfügte Corinne in den frühen 1870er Jahren bereits über ein großes Hotel, ein Opernhaus, eine Zeitung, Lagerhäuser, Fabriken, Mühlen und Kirchen, die mindestens sieben verschiedene Konfessionen repräsentierten. Seine Gründer malten sich sogar aus, es könnte schließlich die Hauptstadt von Utah werden, das zu der Zeit noch ein US-Territorium war.6

Vor diesem dynamischen Hintergrund nun las Adams seine neue Ausgabe von Wissenschaft und Gesundheit und dachte über die Möglichkeiten nach, wie er von seinem „neuen Leben“ in der Christlichen Wissenschaft erzählen könnte. Er war einer von mehreren Schülerinnen und Schülern, denen Eddy im Mai 1886 einen Brief schickte. „Ich sehe die große Notwendigkeit, dass Christliche Wissenschaftler öffentliche Schulen in all unseren bedeutenden Städten gründen“, erklärte sie, und forderte sie auf, „in mehreren wichtigen Städten sogleich ein allgemein zugängliches Institut zu eröffnen“.7

Obwohl Adams letztlich kein Institut eröffnete, schrieb er Eddy am 4. Juli 1886 diese Antwort:

ihre Lehren haben mich von viel Leid errettet, ich sollte zur Zeit ein hoffnungslos Gebrechlicher sein, aber die Wahrheit, die Sie lehren und die ich erlernte als ich die Klasse besuchte, die Last, jahrelang zu leiden, wurde von mir gewälzt, und ein Schimmer des vollkommenen Lebens erscheint.

Ich kann nicht verstehen, wie es Zweifel geben kann, dass die Belohnung mit jedem Einsatz für göttliche Wahrheit kommt Es ist mein hauptsächlicher Wunsch jedwede andere Beschäftigung sein zu lassen und mich in die tätige Arbeit für die Sache meines Meisters zu begeben der Acker des Leids und des Irrtums ist groß und es gibt keine Arbeiter hier. Ich glaube, gute Arbeit könnte in Utah getan werden mit ernsthafter Mühe, der Einfluss der Mormonen, welcher stark ist, wäre der hauptsächliche Widerstand Ich hoffe, dass Sie die Genugtuung haben werden, das Aufkeimen dessen zu sehen, was Ihre Mühe im ganzen Land gesät hat8

Angesichts dieser Empfindungen ist es schwer vorstellbar, dass Adams nicht mit möglichst vielen anderen über seine geistige Heilung von Invalidität und seinen „Schimmer des vollkommenen Lebens“ sprach und seinen Teil dazu beitrug, die Saat der Christlichen Wissenschaft „im ganzen Land“ auszusäen. Auch wenn wir keinerlei Aufzeichnung einer Korrespondenz zwischen Adams und Eddy nach 1888 haben, wissen wir, dass er der Christlichen Wissenschaft verbunden blieb und 1896 Mitglied Der Ersten Kirche Christi, Wissenschaftler wurde.

In den späten 1870er Jahren wurde die Utah-Northern-Eisenbahn gebaut, die Ogden, Utah, mit einer Eisenbahnstrecke nach Idaho verband. Dadurch wurde Corinne als Hauptumschlagplatz abgeschnitten. In der Folge siedelten sich viele Unternehmen der Stadt in Ogden an. 1904 wurde eine weitere Bahnlinie gebaut, die den Zugang der Stadt zu den wichtigsten Routen weiter marginalisierte und den Niedergang des verbliebenen Gewerbes, der Industrie und der Einwohnerschaft verursachte.9 Corinne erlebte den gleichen Aufstieg-Zusammenbruch-Zyklus, der für viele Städte des Westens in dieser Periode der amerikanischen Geschichte kennzeichnend war. Es wandelte sich vom einstmaligen Hauptstadt-Aspiranten von Utah zu der stillen Farmgemeinde, die es heute ist. Das war möglicherweise der Grund, warum Adams ebenfalls wegzog. Wir wissen zwar keine Einzelheiten, aber er gelangte schließlich nach Alameda in Kalifornien, wo er 1920 verstarb.

Von 1842 bis 1920 (von Maine nach Kalifornien), Adams Leben fiel mit der größten und rasantesten Expansion nach Westen und dem stärksten Wachstum in der Geschichte der Vereinigten Staaten zusammen. In engem Zusammenhang stehend mit einem der wichtigsten Katalysatoren dieser Entwicklung, der transkontinentalen Eisenbahn, war er überdies ein treuer Schüler der Christlichen Wissenschaft, der viele andere Menschen auf seiner Reise nach Westen erreichte. Seine kurze Korrespondenz veranschaulicht die weniger bekannten – und doch insgesamt gewaltigen – Beiträge von weit verstreut lebenden Personen, deren eigene Leben von der Christlichen Wissenschaft verändert wurden und die sich weiterhin dem widmeten, ihren Einfluss zu verbreiten, wo auch immer die Umstände sie hintrugen.

Die Sammlung der Mary Baker Eddy Papers beinhaltet viele Briefe aus dem westlichen Grenzland. Jeder Brief beleuchtet einen einzigartigen Blickwinkel, wie die Ausbreitung der Christlichen Wissenschaft im späten neunzehnten Jahrhundert mit Amerikas Wachstum verwoben war – und enthüllt, was die Person, die ihn schrieb, dazu beigetragen hat.


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  1. „Präsentation für Mr. E. P. Adams“, Journal of the Telegraph, Vol. VII, No. 3, 1. Feb. 1874, S. 55, https://books.google.com/books?id=myxOAAAAYAAJ&pg=PA55&lpg=PA55&dq=”E.+P.+Adams”+”central+pacific+railroad”&source=bl&ots=rwHq1kFEii&sig=ACfU3U0yDi_jkvpTSaNSWpJ6QBZSsUNjrw&hl=en&sa=X&ved=2ahUKEwiflseb2uT4AhX-LEQIHaG0BzwQ6AF6BAgCEAM#v=onepage&q=”E.%20P.%20Adams”%20″central%20pacific%20railroad”&f=false
  2. Edward P. Adams an Mary Baker Eddy, 27. Oktober 1885, IC480.55.002, https://mbepapers.org/?load=480.55.002
  3. Edward P. Adams an Calvin A. Frye, 11. Januar 1886, IC938.91.006, https://mbepapers.org/?load=938.91.006
  4. Peter Neil Garff, „Causes of the Mormon Boycott Against Gentile Merchants in 1866 and 1868“ [Ursachen für den Boykott der Mormonen gegen heidnische Händler in den Jahren 1866 und 1868] (1971), Thesen und Dissertationen, 4708, https://scholarsarchive.byu.edu/etd/4708https://scholarsarchive.byu.edu/cgi/viewcontent.cgi?article=5707&context=etd
  5. Catherine Armstrong, „This Tiny Utah Town has a Crazy, Wild History“ [Diese winzige Stadt in Utah hat eine verrückte, wilde Geschichte], Only in Your State: Utah, Attractions [Nur in Ihrer Stadt: Utah, Attraktionen], 14. Nov. 2016, https://www.onlyinyourstate.com/utah/corrine-ut-history/
  6. Corinne City Corp., „Corinne City History“, 2019, https://www.corinnecity.com/city-history.html
  7. Mary Baker Eddy an Edward P. Adams, 26. Mai 1886, L04332, https://mbepapers.org/?load=L04332
  8. Edward P. Adams an Mary Baker Eddy, 4. Juli 1886, IC480.55.004, https://mbepapers.org/?load=480.55.004
  9. Corinne City Corp., „Corinne City History“ [Geschichte von Corinne City], 2019, https://www.corinnecity.com/city-history.html