Wie haben Christliche Wissenschaftler auf die Spanische Grippe von 1918/1919 reagiert?

18. Mai 2020

Die spanische Grippe-Pandemie von 1918/1919 forderte weltweit 50 Millionen Todesopfer, darunter über 675.000 Amerikaner. Sie stellte die Fähigkeit von Regierungen, medizinischen Fachkräften, Kirchen und sozialen Einrichtungen, eine weitreichende Krise zu bewältigen, auf die Probe. Sie traf auf eine Welt, die gerade dabei war, sich aus den Verwüstungen des Ersten Weltkriegs zu erheben; Militärangehörige waren die ersten Opfer der Krankheit.1

Die Christlichen Wissenschaftler blieben davon nicht unberührt. Wie haben sie auf die komplexe Situation reagiert, über deren Ursprung und Ausmaß in der Presse berichtet und debattiert wurde? Wie hat ihre Praxis geistigen Heilens dazu beigetragen, die Krise zu lindern? Mehrere Aspekte ihrer Reaktion sind hervorzuheben.

The Christian Science Monitor berichtete ausführlich über die Pandemie und kommentierte diese. Im Jahr 1919 äußerte sich die Zeitung dazu wie folgt:

Wenn … die Presse dazu gebracht werden könnte, für Mut zu werben, anstatt Angst zu verbreiten, würde sich schnell eine enorme Besserung einstellen. Die Auswirkung der bloßen Eindämmung der Angst wäre unermesslich. Der größte Dienst, den jede Zeitung, jeder Arzt, jeder Mensch der Menschheit erweisen kann, liegt darin, sie zu lehren richtig zu denken.2

Die religiösen Zeitschriften der Christlichen Wissenschaft veröffentlichten auch Berichte, die auf die schädlichen Auswirkungen der kollektiven Furcht, auf medizinische Tests, die populäre Annahmen in Frage stellten, sowie auf Taten der Selbstlosigkeit und des Mutes hinwiesen. Zum Beispiel fand sich in der Ausgabe vom 12. April 1919 des Christian Science Sentinel folgender Nachdruck aus dem kalifornischen Oakland Enquirer:

Die Experimente, die auf Goat Island [Kalifornien] von Ärzten der Navy durchgeführt wurden, um etwas über den Grippe-Erreger zu lernen, vermitteln eine Lektion, die jeder Mensch studieren und verstehen sollte. Fünfzig junge Seeleute meldeten sich freiwillig als Grippeopfer, damit die Ärzte Gelegenheit hätten, die Krankheit genauer zu untersuchen. Diese jungen Männer hatten keine Angst vor der Krankheit; sie boten sich bereitwillig an. Sie wurden zusammen mit Grippepatienten untergebracht; man gab ihnen Gläser mit Grippe-Erregern, die sie in ihre Lungen einatmeten; man injizierte ihnen Grippe-Erreger …

Aber unter diesen fünfzig Matrosen entwickelte sich nicht ein Grippefall! Diese Männer waren geimpft worden; sie waren der Krankheit auf jede Weise ausgesetzt gewesen; sie hatten die Erreger eingeatmet und mit Grippeopfern im selben Raum gegessen und geschlafen, und nicht einer von ihnen hatte sich angesteckt! Die Mediziner gaben zu, dass sie vor einem Rätsel standen. Alle ihre Vorstellungen von der Krankheit wurden auf den Kopf gestellt … Die Ärzte wundern sich noch immer. Die Erklärung ist jedoch denkbar einfach, denn sie wurde von jedem einzelnen dieser fünfzig jungen Männer bewiesen.

Diese fünfzig jungen Männer meldeten sich freiwillig, um als Versuchspersonen zu fungieren. Dies zeigte deutlich, dass sie die Krankheit nicht fürchteten …3

Unter Bezugnahme auf das Goat Island Experiment veröffentlichte das Journal of the American Medical Association [das amerikanische Ärzteblatt] eine ehrliche Beobachtung:

Dr. McCoy, der zusammen mit Dr. Richey eine ähnliche Versuchsreihe auf Goat Island, San Francisco, durchführte, setzte Freiwillige ein, die, soweit bekannt, dem Ausbruch überhaupt nicht ausgesetzt gewesen waren und ebenfalls negativ getestet wurden, d. h. sie waren nicht in der Lage, die Krankheit zu reproduzieren. Vielleicht gibt es Faktoren oder einen Faktor bei der Übertragung von Grippe, die wir nicht kennen.4

Während der Pandemie debattierten protestantische, katholische und jüdische Religionsführer über die Anordnung der Regierung, Gotteshäuser zu schließen. Einige glaubten, dass ihr Wirken mehr denn je gebraucht würde und ihre Türen offen bleiben sollten.5 Christliche Wissenschaftler beteiligten sich an dieser Debatte; mindestens eine Zweigkirche versuchte, eine Schließungsanordnung anzufechten, aber ihre Klage wurde abgewiesen.6 Aber ein Arzt in Des Moines, Iowa, kommentierte dies wie folgt: „Bei meiner Arbeit in infizierten Gemeinden habe ich immer festgestellt, dass die [Christlichen] Wissenschaftler die Ersten sind, die bei dem geringsten Hinweis auf unhygienische Bedingungen reagieren, und die Ersten, die sich an grundlegende Gesundheitsmaßnahmen halten.“7

Einzelheiten über die Reaktionen der Christlichen Wissenschaftler auf die Epidemie stammen hauptsächlich aus zwei Quellen: dem 1922 veröffentlichten Buch Christian Science Wartime Activities [Aktivitäten der Christlichen Wissenschaft im Krieg], und Heilungsberichten, die in den Zeitschriften der Christlichen Wissenschaft veröffentlicht wurden.

Christliche Wissenschaftler, die als ehrenamtliche Mitarbeiter tätig waren, berichteten regelmäßig über ihre Aktivitäten während dieser Zeit. Einer von ihnen schrieb:

Es gab viele Hilferufe wegen aller Arten von Krankheiten – Spanische Grippe, Ruhr, Trunkenheit, Sinnlichkeit, Rauchen, Rheuma, Männer mit Gasvergiftungen, Verwundete, die im Krankenhaus lagen, usw. In vielen Fällen wurden die Männer auf die Verwendung der Konkordanzen [zur Bibel und zu den Schriften von Mary Baker Eddy] verwiesen. Ein Fall von Grippe wurde auf diese Weise geheilt und der junge Mann erzählte mir danach, dass er viele Jahre lang Angst vor Tuberkulose gehabt hatte, die ihn zu dieser Zeit verlassen hatte.8

In einem weiteren Bericht wird erwähnt:

… in diesen Wochen der Anspannung und der Furcht waren die Christlichen Wissenschaftler allerorten dankbar für eine Kenntnis der Güte Gottes und für eine ruhige Gewissheit des Schutzes, und durch dieses Verständnis konnten sie den Leidenden von unermesslicher Hilfe sein … [U]nsere Arbeiter, denen gesagt wurde, der gesamte Distrikt stünde unter Quarantäne, und wenn sie ihn beträten, wären sie verpflichtet, im Lager zu bleiben, wählten [in einigen Gegenden] diesen Weg, betraten es und blieben dort und brachten vielen Heilung und Trost.9

Es gab auch Berichte von Soldaten, die Christliche Wissenschaftler waren:

Am dankbarsten sind wir unter anderem dafür, dass unsere Jungs während der jüngsten Epidemie den anderen helfen konnten. Einer von ihnen war für sechsunddreißig andere verantwortlich. In der ersten Nacht ging er zu jedem Patienten und versuchte, ihm seine Angst zu nehmen und ihn zu beruhigen. Die Ärzte begannen sich bald an ihn zu wenden und ihm wurde eine Position von beträchtlicher Verantwortung und Nützlichkeit zugewiesen. Ein anderer junger Mann las seinen Patienten den 91. Psalm vor, und obwohl er erst ein Anfänger in der Wissenschaft war, konnte er durch die Anwendung dessen, was er von der Wahrheit wusste, einem der Jungs bei der Überwindung eines sehr hohen Fiebers helfen.

In ähnlicher Weise schreibt ein Soldat aus England: „Ich wurde einer Lazaretteinheit zugeteilt und nach Übersee geschickt. Dies geschah, während die Angst vor der … Grippe grassierte … Sie werden sich erinnern, dass ich erst ein Anfänger in der Wissenschaft bin, und so hielt ich während dieser Zeit so gut ich konnte an der Wahrheit fest. Ich habe keine Vorbeugungsmittel oder Medikamente eingenommen, wie es meine Kameraden taten. Ich hatte keine Angst und empfand es als meine Pflicht zu dienen, anstatt bedient zu werden.“10

Ein Stabsarzt des Krankenhauses in Camp Beauregard, Louisiana, schrieb an einen freiwilligen Mitarbeiter, der Christlicher Wissenschaftler war:

Ich bediene mich dieses Briefes, um Ihnen gegenüber, so gut ich kann, meine Wertschätzung für Ihre Hilfe und Unterstützung in dieser schwierigen Situation im Lager zum Ausdruck zu bringen. Als Sie zu Beginn dieser kritischen Situation Ihre Dienste anboten, brauchten wir Hilfe, auf die wir uns verlassen konnten. Wir waren ein wenig überrascht über Ihr Angebot, aber gar nicht wegen des Mannes, von dem es kam, sondern weil wir nicht wussten, wie die Ansichten Ihrer Leute bezüglich einer solchen humanitären Arbeit waren, wie Sie sie hier geleistet haben. Ich hatte das Gefühl, dass mit Ihnen als Krankenstationsleiter in meiner Abwesenheit alles so war, wie es sein sollte. Eines möchte ich Ihnen sagen, etwas, das ich zu schätzen weiß: Obwohl Ihre Position als Stationsleiter Sie vor allen ordnungsgemäßen Pflichten des Krankenhauses bewahrt hätte, haben Sie sich nie gescheut das zu tun, was gerade nötig war. Für Ihre treue und furchtlose Arbeit in dieser schweren Zeit möchte ich Ihnen nochmals danken und verbleibe mit herzlichen Grüßen – Ihr Freund.11

Ein weiterer Brief würdigte die Bemühungen einer Gruppe Christlicher Wissenschaftler in Minnesota:

Der Chirurg möchte Herrn G. und den Mitgliedern des Christian Science Welfare League [Wohlfahrtsverband der Christlichen Wissenschaft] für ihre große Freundlichkeit und Umsicht bei der Betreuung der kranken Männer in unserem Krankenhaus während der jüngsten Epidemie danken. Die Sorgfalt und Mühe, mit der für die Behaglichkeit und das Wohlergehen der Patienten gesorgt wurde, haben wir alle sehr zu schätzen gewusst. Sie können sich nicht vorstellen, wie viel ein derart hilfreicher, praktischer Dienst wie der Ihre den Patienten bedeutet hat. Ihre ausgezeichnete Zusammenarbeit und Ihre stete Hilfsbereitschaft in dieser so schwierigen Notlage haben viel mehr bedeutet, als man in Worte fassen kann. Die Stabsärzte sind Ihnen äußerst dankbar und schätzen alles, was Sie getan haben.12

Einzelne Christliche Wissenschaftler auf der ganzen Welt hatten während der Epidemie ihre eigenen Herausforderungen zu bewältigen. Viele Zeugnisse, die nach 1919 im Sentinel und im Christian Science Journal, wie auch in der französischen und deutschen Ausgabe des Herold der Christlichen Wissenschaft veröffentlicht wurden, erwähnten Heilungen von Spanischer Grippe.13 Marie Louise Field aus Ketchikan, Alaska, schrieb zum Beispiel Folgendes:

Vor zwei Jahren, als die Spanische Grippe erstmalig an der Pazifikküste ausbrach, besuchte ich das College. Zu dieser Zeit wusste ich bereits, dass ein Schüler der Christlichen Wissenschaft nichts zu befürchten hatte. Nachdem ich also die Wahrheit, wie wir sie in der Christlichen Wissenschaft verstehen, erklärt hatte, wies ich den Gedanken an die Spanische Grippe zurück und ging wie üblich meiner Arbeit am College nach. Gegen Ende der ersten Woche, als die Zahl der Fälle stark angestiegen war, ging das Gerücht um, das College-Gelände müsse unter Quarantäne gestellt werden. Ich hatte alle meine Wochenenden außerhalb des College verbracht und sah diesen wöchentlichen Ferientagen stets mit großer Vorfreude entgegen. Ich ärgerte mich über die Vorstellung, auf dem College-Gelände unter Quarantäne gestellt zu werden, und sprach mich gegen die Ungerechtigkeit und Dummheit einer solchen Vorgehensweise aus.

An diesem Nachmittag schien ich einige Symptome der Grippe aufzuweisen; gegen Abend waren die Anzeichen unübersehbar. Zuerst war ich ziemlich beunruhigt, weil ich meine Arbeit als abgeschlossen betrachtet hatte. Ich ging in mein Zimmer und beschloss, das Problem zu lösen, auch wenn es die ganze Nacht dauern sollte. Ich schlug unser Lehrbuch, Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift von Mary Baker Eddy, auf und begann zu lesen. Erst als sich mir die wahre Bedeutung des Wortes „Quarantäne“ erschloss, war die Heilung vollzogen. Ich erkannte, dass der Mensch immer allein mit Gott war und das Einzige, wovon er möglicherweise ferngehalten werden konnte, das Böse war; dass ich mit nichts anderem als dem Guten in Verbindung gestanden hatte und sich bei mir folglich nur das Gute, Gott, manifestieren konnte. Um drei Uhr morgens war der Fall geheilt. Ich stand zur gewohnten Zeit auf, fühlte mich völlig gesund und war bereit, meine Vorlesungen zu besuchen. Als der Freitag kam, stand es mir frei, das College-Gelände zu verlassen, und während der Epidemie gab es keine Quarantäne.14

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  1. „1918 Pandemic (H1N1 Virus)“, Center for Disease Control and Prevention [Pandemie (H1N1-Virus) 1918, Zentrum für Seuchenkontrolle und Prävention], https://www.cdc.gov/flu/pandemic-resources/1918-pandemic-h1n1.html Zugriff am 3/30/2020.
  2. „Architects of Disease“ [Architekten der Krankheit], The Christian Science Monitor, 13. August 1919, 16.
  3. Christian Science Sentinel, 12. April 1919, 637.
  4. Rosenau, Milton J., „Experiments to Determine Mode of Spread of Influenza“ [Experimente zur Bestimmung des Ausbreitungsmodus der Grippe], Journal of the American Medical Association, Band 73, Nr. 5, 313. Der Artikel erwähnt auch ein Experiment im U.S. Naval Hospital [US Marinekrankenhaus], Chelsea, Massachusetts, mit ähnlichen Ergebnissen.
  5. „Signs of the Times“ [Zeichen der Zeit], Sentinel, 30. November 1918, 258.
  6. „Habeas Corpus Writ is Refused“ [Habeas Corpus Klage wird abgewiesen], Monitor, 9. November 1918, 9.
  7. „Campaign Against Fear Is Advocated” [Kampagne gegen die Furcht wird befürwortet], Monitor, 22. Oktober 1918, 6.
  8. Christian Science Wartime Activities (Boston: Verlagsgesellschaft der Christlichen Wissenschaft, 1922), 163.
  9. Christian Science Wartime Activities, 341.
  10. Christian Science Wartime Activities, 341–342.
  11. Christian Science Wartime Activities, 343.
  12. Christian Science Wartime Activities, 342–343.
  13. Diese Zeugnisse sind in der Datenbank jshonline.com zu finden.
  14. The Christian Science Journal, Februar 1921, 633–634.