„Befreit die Gefangenen“: Mary Baker Eddy und die Gefängnisreform

3. Mai 2022

Weißer Rattanschaukelstuhl mit geflochtener Einfassung. Kreuz-und-Krone-Design in der Mitte der Rückenlehne. Geschenk an Mary Baker Eddy von Insassen des New Hampshire Staatsgefängnisses. 0.1957, Kunst und Artefakt Kollektion. Der Stuhl wurde im Juni 2016 an das Longyear Museum übergeben.

Während viele unserer Leser:innen von Mary Baker Eddys großzügigen Spenden an eine Vielzahl von Wohltätigkeitsorganisationen wissen, ist ihr tiefes Interesse an der Reformierung von Strafgefangenen viel weniger bekannt. Dieses Interesse ging auf eine familiäre Beziehung zurück, die sie zu einigen der größten Gefängnisreformatoren ihrer Zeit unterhielt, und ganz besonders zu dem New Hampshire Staatsgefängnis in Concord.

Diesen Schaukelstuhl aus Korbgeflecht machten Häftlinge aus jenem Gefängnis Mary Baker Eddy zum Geschenk, um ihre Dankbarkeit für das, was sie für sie getan hat, zum Ausdruck zu bringen, und er versinnbildlicht ihr langjähriges Engagement für die Unterstützung Strafgefangener. Der Stuhl besteht aus Hunderten von Rattanstücken (Rattan ist eine Palmenart), die aufwändig gedreht und miteinander verwoben wurden. Auf der Rückseite ist das Kreuz-und-Krone-Design eingeflochten, das sich auf Mrs. Eddys veröffentlichten Werken befindet. Sie war so berührt von dem Geschenk, dass sie es im Esszimmer ihres Hauses in Concord, Pleasant View, und später in einem Wohnzimmer ausstellte, nachdem sie nach Chestnut Hill, Massachusetts, gezogen war.1 (Der Stuhl wurde ihr irgendwann zwischen 1900 und 1907 geschenkt.)

Stuhl im Esszimmer in Pleasant View ausgestellt (P06268).

 

Captain Moses Pilsbury, das Oberhaupt der Pilsbury-Familie, wurde während seiner Zeit als Leiter eben dieses Gefängnisses (1818–1826, 1837–1840) ein guter Freund der Bakers. In einer Zeit, in der das Gefängnissystem in Amerika harte Bestrafungen vorsah, führte Pilsbury Reformen durch, wie z. B. zweimal täglich allen Insassen aus der Bibel vorzulesen, die Lesekompetenz zu fördern, Mitarbeiter aufgrund sittlichen Ansehens statt körperlicher Stärke anzustellen und die Prügelstrafe abzuschaffen. 1819 ließ Moses eine Werkstatt für die Gefangenen errichten, in der sie Handwerke gelehrt wurden, um Fähigkeiten zu vermitteln, die ihre Erwerbstätigkeit nach der Entlassung erleichtern sollten. Dies war ein Vorläufer der modernen Gefängnisindustrie2 und ermöglichte es den Concord-Häftlingen viel später, eben diesen Schaukelstuhl für Mrs. Eddy herzustellen. Als Leiter des Gefängnisses in Concord und später als Erbauer und Leiter anderer Gefängnisse setzten Moses und seine Söhne John, Amos und Luther ihre Reformen in ganz New England und New York fort. Amos erlangte sogar Weltruhm für seine Methoden im Staatsgefängnis von Connecticut, als er zum Internationalen Strafvollzugskongress nach London geschickt wurde.3 Irving C. Tomlinson, der einige Jahre lang eng mit Mrs. Eddy zusammenarbeitete, erinnerte sich später daran, dass „christlich-wissenschaftliche Aktivitäten in den Gefängnissen Mary Baker Eddy sehr interessierten … Ihr Interesse an der Gefängnisarbeit ließ niemals nach“.4 Tatsächlich war sie von klein auf mit der Gefängnisarbeit vertraut. Ihre Familie war eng mit den Pilsburys befreundet, einer Familie von Gefängnisleitern, die als die größten Gefängnisreformatoren des 19. Jahrhunderts gelten.5 Ihr Bruder George arbeitete für die Pilsburys im Staatsgefängnis von Connecticut; ihre Schwester Martha heiratete Luther Pilsbury, den stellvertretenden Leiter des New Hampshire Staatsgefängnisses in Concord. Sobald sie verheiratet waren, besuchte Mary sie im Gefängnis von Concord und übernachtete wahrscheinlich dort in deren Wohnung.6

Bei derart engen familiären Verbindungen zu diesen Reformatoren ist es kein Wunder, dass Mary Baker Eddy sich über die Bedeutung der aktiven Arbeit mit Strafgefangenen im Klaren war. Bereits 1891 berichtete der Christian Science Journal, dass christlich-wissenschaftliche Literatur in Gefängnissen verteilt wurde. 1900 ermutigte Mrs. Eddy Irving Tomlinson nachdrücklich, die Gefängnisse im Umland von Concord zu besuchen, und war sehr darauf erpicht, seine Berichte darüber zu hören. Tomlinson schreibt in seinen Erinnerungen: „Eines ihrer frühen Gespräche mit dem Autor nach seiner Ankunft in Concord betraf die Unglücklichen in den Bezirksgefängnissen und im Staatsgefängnis. Auf ihren ernsthaften Wunsch hin besuchte der Autor den Bezirkssheriff Edgerly und machte den Vorschlag, jeden Sonntag um zwei Uhr nachmittags im Gefängnis von Merrimac County einen Gottesdienst der Christlichen Wissenschaft für die Gefangenen abzuhalten. Der Sheriff begrüßte das Vorhaben.“7 Mrs. Eddys Antwort auf das Vorhaben war enthusiastisch: „Ich bin froh, dass du mit der Christlichen Wissenschaft begonnen hast. Missioniere in dem Glauben, dass du die Gefängnistüren öffnen und die Gefangenen befreien kannst. Gott wird dich auf diesem von Ihm bestimmten Weg segnen.“8

Die Gottesdienste fanden von 1900 bis 1906 statt; Tomlinson diente auch als Praktiker und betete für die Häftlinge, wenn sie unter der Woche um geistige Hilfe baten. Als Ergebnis seiner Arbeit hatten viele der Gefangenen Heilungen und schickten ihren Dank und ihre Zeugnisse an Mrs. Eddy, die sie zur Veröffentlichung in den Zeitschriften der Christlichen Wissenschaft weiterleitete. Tomlinson erinnerte sich, wie im März 1907 ein neu entlassener Gefangener zu ihm kam und darum bat, ein Exemplar von Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift zu kaufen. Tomlinson bot an, ihm eins zu schenken, aber der Mann lehnte ab und sagte, dass er im Gefängnis Geld gespart habe, damit er ein Exemplar bezahlen könne. Tomlinson berichtete, dass er nie wieder ein Verbrechen begangen habe. Als Tomlinson den Vorfall an Mrs. Eddy weitermeldete, war sie zutiefst bewegt.9

Um mehr über Irving Tomlinsons Erfahrungen in den Gefängnissen von Concord zu erfahren, kontaktieren Sie bitte den Service für Recherche und Quellensuche unter [email protected]. Falls Sie in Boston sind, können Sie Tomlinsons Erinnerungen in unserem Forschungsraum lesen.


Dieser Blog steht auf unseren englischen, französischen, portugiesischen und spanischen Websites zur Verfügung.

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  1. Irving C. Tomlinson, Zwölf Jahre mit Mary Baker Eddy, Erweiterte Ausgabe (Boston: The Christian Science Publishing Society, 1994), 243.
  2. Caleb Smith, The Prison and the American Imagination [Das Gefängnis und der amerikanische Einfallsreichtum] (New Haven: Yale University Press, 2009), 125.
  3. David E. Coughtry, Mary Baker Eddy and Institutional Work [Mary Baker Eddy und die Gefängnisarbeit] (New York: Christian Science Institutional Committee for New York State, 1998), 1–2.
  4. Tomlinson, Zwölf Jahre mit Mary Baker Eddy, Erweiterte Ausgabe, 243.
  5. Orlando Faulkland Lewis, The Development of American Prisons and Prison Customs, 1776–1845: With Special Reference to Early Institutions in the State of New York [Die Entwicklung amerikanischer Gefängnisse und Gefängnisbräuche, 1776–1845: Mit besonderem Augenmerk auf frühe Anstalten im Bundesstaat New York] (Albany: Prison Association of New York, 1922), 176.
  6. Mary Baker Eddy an Augusta Holmes Swasey, 24. Februar 1843, L02682.
  7. Mary Baker Eddy an Irving C. Tomlinson, 12. Mai 1900, L03728.
  8. Erinnerungen von Irving C. Tomlinson, 622–623.
  9. Ebd.