Frauen der Geschichte: Miyo Matsukata

11. November 2020

Shokuma und Miyo Matsukata. Foto von Kaneichiro Imai. Mit freundlicher Genehmigung von Machiko Romaine.

Miyo Matsukata (1891–1984) war eine der ersten japanischen Christlichen Wissenschaftlerinnen. Sie hegte voller Hingabe eine neu entdeckte Religion in ihrer Wahlheimat, wobei sie sich auf ihren Glauben und ihren einzigartigen interkulturellen Hintergrund stützte, um den Widerstand gegen die westliche Religion und die Schwierigkeiten des Zweiten Weltkriegs zu meistern.

Als Tochter japanischer Eltern in New York City geboren, gehörte sie mit ihrem älteren Bruder zu den ersten nisei (Japanern der zweiten Generation) an der Ostküste der Vereinigten Staaten. Ihre amerikanische Kindheit war durch die Sommer geprägt, die sie mit ihren Großeltern in Japan verbrachte. Im Alter von 21 Jahren zog sie dorthin und heiratete Shokuma Matsukata, den Sohn eines prominenten japanischen Politikers.1 Die Eingewöhnung in eine neue Kultur fiel ihr schwer und sie mühte sich so sehr mit den Traditionen und Bräuchen des japanischen Lebensstils ab, dass es ihre Gesundheit beeinträchtigte.2

Matsukata family photo

Familie Matsukata, um 1927. Mit freundlicher Genehmigung des Nachlassverwalters von Miyo Matsukata via Mimi Oka.

1917, als die Christliche Wissenschaft hauptsächlich von Westlern praktiziert wurde, begleitete Matsukata einen Freund zu einem Vortrag der Christlichen Wissenschaft, der von Clarence Chadwick in Yokohama gehalten wurde.3 4 5 „Welche Hoffnung und Freude wurden in mir geweckt“, schrieb sie, „als ich erkannte, dass die Christliche Wissenschaft ein göttliches Prinzip hatte.“6 Infolgedessen nahm sie selber das Studium der Christlichen Wissenschaft auf. Zur gleichen Zeit lernten auch zwei weitere japanische Frauen – Sute Mitsui und Tatsuo Takaki – unabhängig voneinander die Christliche Wissenschaft kennen. Alle drei bekannten sich zu dem Glauben, obwohl er „viele starre Bräuche in Frage stellte“ und seine Praxis in dieser Zeit „Mut sowie Takt, Geduld, Weisheit und Liebe erforderte.“7 Sie wandten sich an Florence E. Boynton, eine Christliche Wissenschaftlerin aus Amerika, die Schullehrerin war, um sich und ihren Kindern in ihrem Studium helfen zu lassen.8 Laut Matsukata hat Boynton „viel getan, um den Boden zu bereiten, guten Samen zu säen und sich dann um das Gedeihen dieses Samens zu kümmern.“9

Um 1924 nahmen Matsukata und ihr Mann Frances Thurber Seal als Gast bei sich auf, die in Japan zu Besuch war und zuvor dabei geholfen hatte, die Christliche Wissenschaft in Deutschland einzuführen. Durch Seal erfuhr sie von Schulen für Christliche Wissenschaftler in den Vereinigten Staaten (The Principia, in Missouri, und Principia College, in Illinois). Schließlich besuchten alle jungen Schüler von Boynton, einschließlich der Kinder von Matsukata, diese Einrichtungen, um dort zu lernen und zu studieren.10

Die Christliche Wissenschaft verbreitete sich langsam in Japan und gewann durch die Bemühungen verschiedener miteinander verbundener japanischer Familien an Stärke. Die erste informelle Gruppe von Christlichen Wissenschaftlern begann sich im Jahr 1924 zu treffen. Die Mutterkirche in Boston (Die Erste Kirche Christi, Wissenschaftler) erkannte sie 1931 als Vereinigung der Christlichen Wissenschaft Tokio an.11 Die Übersetzung vieler Begriffe ins Japanische wurde durch kulturelle und sprachliche Faktoren erschwert, und so konnten die Menschen die Christliche Wissenschaft zu jener Zeit nur auf Englisch studieren. Das hinderte ihr Wachstum, da die allgemeine Bevölkerung kein Englisch sprach und mit dem Christentum nicht vertraut war.12 Matsukata schrieb ihre Fähigkeit, Mary Baker Eddys Entdeckung und Errungenschaften zu verstehen, ihrer Erziehung in Neuengland und der Auseinandersetzung mit puritanischen Ideen zu.13

Die größte Herausforderung für diese aufstrebende japanische Gruppe zeigte sich jedoch während des Zweiten Weltkriegs. Bevor die Vereinigten Staaten in den Krieg eintraten, begann Japan, die westlichen Einflüsse und Aktivitäten einzuschränken. Die Vereinigung in Tokio löste sich 1941 auf und kam damit einem Gesetz zuvor, das die Vereinigung aller christlichen Konfessionen unter der „Christian Church of Japan“ [Christliche Kirche von Japan] vorschrieb. Während Westler wie Florence Boynton in ihre Heimatländer zurückkehrten, wurden Gottesdienste der Christlichen Wissenschaft heimlich bei Matsukata zu Hause bis zum Bombenangriff auf Tokio im April 1942 fortgeführt.14

Takashi Oka

Takashi Oka, ca. 1940er Jahre. Mit freundlicher Genehmigung von Mimi Oka und Takashi Oka.

Es folgte eine Zeit der Isolation, in der sich viele japanische Christliche Wissenschaftler von der Außenwelt und insbesondere von der Mutterkirche abgeschnitten fühlten. Matsukata spürte zunächst diese Entfremdung. Aber sie schrieb später, dass sie bei der Lektüre von „Das Sein ist Entfaltung“ – einem Artikel von Mary Sands Lee in der Januar-Ausgabe 1941 des Christian Science Journal – von der Aussage beeindruckt war, dass „göttlicher Fortschritt sowohl universell als auch individuell ist.“ Matsukata bemerkte später, dass dies sie daran erinnerte, dass „nichts mich von der göttlichen Liebe trennen konnte“15 und dass es ihr half, während des gesamten Krieges eine erneute Verbundenheit zu fühlen. Takashi Oka, der Korrespondent für den Christian Science Monitor wurde, war bei Kriegsbeginn Sonntagsschüler in Tokio. Wie er sich später erinnerte, hatte Matsukata damals ein starkes Gefühl der Einheit mit der Mutterkirche. Sie war in der Lage, anderen japanischen Christlichen Wissenschaftlern zu helfen, Gefühle des Getrenntseins zu überwinden, indem sie heimlich christlich-wissenschaftliche Literatur sammelte, die unter diplomatischem Schutz von schwedischen Freunden an Widar Bagge geschickt wurde, den schwedischen Minister, der direkt neben den Matsukatas wohnte.16

Das Kriegsende 1945 brachte den japanischen Christlichen Wissenschaftlern erstmals wieder Kontakt mit der Außenwelt. Mütter wie Matsukata, deren Kinder am Principia College in den Vereinigten Staaten geblieben waren, konnten zum ersten Mal seit vier Jahren wieder mit ihnen kommunizieren. Westliche Christliche Wissenschaftler kamen als Mitglieder der Besatzungstruppen, Militärseelsorger, MonitorKorrespondenten und Freiwillige ins Land. Wieder einmal konnten die Menschen in Japan offen die Christliche Wissenschaft praktizieren, zusammen mit neuen Freunden und mit einer Vielzahl von Erfahrungen, die sie teilen konnten.17 Matsukatas Familie veranstaltete 1945 eine Weihnachtsfeier, die die Autorin Emi Abiko als „den ersten Lichtblick in der ansonsten trostlosen Umgebung“ bezeichnete.18

Japanese and American Christian Scientists, Christmas Day 1945

Japanische und amerikanische Christliche Wissenschaftler, Weihnachtstag 1945. Mit freundlicher Genehmigung von Mimi Oka und Takashi Oka.

Matsukata veröffentlichte ein Zeugnis in der Juni-Ausgabe 1969 des Journal, in dem sie besonders den Nutzen der Christlichen Wissenschaft für ihre Kinder erwähnte. Unter besonderer Bezugnahme auf Zeiten der Krankheit schrieb sie, dass „jeder Fall effektiv geheilt wurde und uns immer ein besseres Verständnis des Christus-Heilens gab.“19 Sie war eine der ersten japanischen Christlichen Wissenschaftlerinnen, die ihre Heilpraxis im Journal inserierte, die sie von 1947 bis zu ihrem Tod 1984 ausübte.20 In diesen Jahren sah sie ihre Religion in Japan über deren abgeschottetes Anfangsstadium hinauswachsen. Dazu gehörte die Veröffentlichung der ersten japanischen Ausgabe der Zeitschrift Der Herold der Christlichen Wissenschaft im Jahr 1962 sowie die japanische Übersetzung von Mary Baker Eddys Wissenschaft und Gesundheit mit Schlüssel zur Heiligen Schrift im Jahr 1976 – die von besonderer Bedeutung war, da sie es japanischsprachigen Christlichen Wissenschaftlern erstmals ermöglichte, ihr Lehrbuch in ihrer Muttersprache zu studieren.

Matsukata und ihre Mitstreiter legten das Fundament für diese und andere Meilensteine. Sie hinterließen – so Emi Abiko – „den zukünftigen Generationen ein wertvolles Vermächtnis“.21

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  1. Haru Matsukata Reischauer, Samurai and Silk: A Japanese and American Heritage [Samurai und Seide: Ein japanisches und amerikanisches Erbe] (Cambridge, Massachusetts: Belknap Press, 1986), 245, 250–251.
  2. Miyo Matsukata, „History of the Church Universal as Unfolded in Tokyo, Japan“ [Geschichte der Universalen Kirche, wie sie sich in Tokio, Japan, entfaltet hat], 7, Kirchenarchiv, Box 42561, Mappe 285752.
  3. Emi Abiko, A Precious Legacy: Christian Science Comes to Japan [Ein kostbares Vermächtnis: Die Christliche Wissenschaft kommt nach Japan] (Boston: E. D. Abbott Company, 1978), 14–15.
  4. Matsukata, „History of the Church Universal“, 7.
  5. Abiko, A Precious Legacy, 14, 23.
  6. Matsukata, „History of the Church Universal“, 7.
  7. Abiko, A Precious Legacy, 10–11, 16.
  8. Abiko, A Precious Legacy, 17, 40.
  9. Matsukata, „History of the Church Universal“, 4–6.
  10. Abiko, A Precious Legacy, 29.
  11. Abiko, A Precious Legacy, 22–23.
  12. Abiko, A Precious Legacy, 24, 102–104.
  13. Miyo Matsukata,Mary Baker Eddy schreibt im Lehrbuch …“, The Christian Science Journal, Juni 1969, 321.
  14. Abiko, A Precious Legacy, 69–71.
  15. Matsukata, „History of the Church Universal“, 14–15.
  16. Takashi Oka, „The power of love for church in wartime“ [Die Macht der Liebe zur Kirche in Kriegszeiten], The Christian Science Journal, Mai 2003, 10.
  17. Abiko, A Precious Legacy, 85–87.
  18. Abiko, A Precious Legacy, 89.
  19. Matsukata, „Mary Baker Eddy schreibt im Lehrbuch …“, 321.
  20. Abiko, A Precious Legacy, 14.
  21. Abiko, A Precious Legacy, 117.